Männliche Sexualität und Achtsamkeit – Widerspruch oder Lustgewinn? Ein persönlicher Erfahrungsbericht.
Ich bin als achtsames und sinnliches Wesen auf die Welt gekommen. Ich habe die Welt körperlich erforscht und entdeckt und das später auch auf meinen Körper übertragen. Die ersten Jahre meiner sexuellen Selbsterforschung dienten dem Kennenlernen des eigenen Körpers und der sexuellen Lust. Hierbei ging es nie um irgendein Ziel oder eine Erwartung. Es war eine spielerische und genussvolle Entdeckungsreise.
Das änderte sich schlagartig mit meinem ersten Porno, damals noch auf VHS-Kassette. Von diesem Moment an veränderte sich die spielerische Leichtigkeit in meiner Selbstliebe hin zu einer leistungsorientieren Selbstbefriedigung. Auch mein Verständnis von Paarsexualität folgte diesem Vorbild. Nun ging es plötzlich um Erregung, um Erektion, um Orgasmus.
Dabei bekam das Erleben meiner Partnerin einen höheren Stellenwert als mein eigenes. Ich wollte ein guter Liebhaber sein. 27 Jahre lange war ich so auf einem Irrweg, der weder mich noch meine Partnerin sexuell wirklich erfüllte. Der Frust wurde immer größer, der Genuss immer weniger. Es gab tief in mir eine Sehnsucht und ein Wissen, dass es doch mehr geben muss als das, was ich in meiner Sexualität erlebte.
Nach so vielen Jahren der leistungsorientierten Sexualität fand ich aber zurück in meinen sinnlichen und achtsamen Entdeckungsraum.
Hierzu brauchte es einen mutigen Moment der Wahrheit. Denn so ging es nicht weiter, weder für mich noch für meine Partnerin. Ich begann meinen Körper langsam und liebevoll wiederzuentdecken, die Verantwortung für mein eigenes Erleben in der Sexualität zu übernehmen und mich um meine Bedürfnisse zu kümmern.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"
Durch achtsame Sexualität, auch als Slow-Sex bekannt, lernte ich das Prinzip der Absichtslosigkeit in Berührung kennen.
Es ging plötzlich wieder um mich und mein Erleben und nicht darum, irgendetwas zu erzeugen oder meine Partnerin zum Orgasmus zu bringen. Ich lernte, im Hier und Jetzt zu sein, den Moment zu genießen und dass eine Erektion für eine erfüllende Sexualität nicht wichtig ist. Kommunikation war ebenfalls ein neues Feld und wertvoller Hebel für wirkliche Intimität.
Dank Slow-Sex habe ich heute ein völlig neues Verständnis von Sexualität.
Die alten Konditionierungen hinter mir zu lassen, war oft nicht leicht. Doch es hat sich mehr als gelohnt: Ich erlebe Verbundenheit, Intimität, Nähe, Lust und eine Sattheit, die ich so bisher nicht kannte. Ich habe entdeckt, dass der Körper so viel größer ist als die eine erogene Zone zwischen den Beinen. Lust und Sinnlichkeit zu spüren, ist für mich so viel erfüllender, als sich nur auf die körperliche Erregung zu fokussieren.
In meiner heutigen Arbeit begegnen mir immer wieder Männer, die ebenso eine Sehnsucht nach Tiefe und Verbundenheit spüren und keinen Ausweg kennen. Der Gedanke, dass Achtsamkeit und Bewusstheit die Sexualität bereichern können, stößt meist zuerst auf Widerstand. Die bekannten Pfade zu verlassen, löst oft Verunsicherung aus. Gerade Männer haben oft Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird und dass Slow-Sex bedeutet, dass alles nur noch langsamer Blümchensex sei.
Dies ist ein Irrglaube! Langsamkeit ist am Anfang ein guter Begleiter, um das Spüren wiederzuentdecken. Lust, Leidenschaft, Erregung und Orgasmen sind auch in der achtsamen Sexualität willkommen, doch sie sind kein Muss. Es geht vielmehr um das Verlassen des vorgefertigten Drehbuchs im Kopf und darum, dem Körper die Führung zu überlassen. Jede Begegnung ist neu und einzigartig. Seit 13 Jahren bin ich nun auf dem Weg der achtsamen Sexualität. Ich habe mich als Mensch und als Mann neu entdeckt und freue mich auf die Reise, die noch vor mir liegt.
Übung: Die Hände neu entdecken
Mit folgender Übung können Sie Ihr Spürvermögen und Ihren eigenen Genuss wiederbeleben.
Sie brauchen: einen beliebigen Gegenstand und zehn Minuten Zeit. Nehmen Sie einen willkürlichen Alltagsgegenstand, zum Beispiel eine Fernbedienung, einen Kugelschreiber oder was immer Sie möchten.
Die ersten fünf Minuten: Setzen Sie sich aufrecht hin, die Körperhaltung ist hier wichtig, sie sollte etwas Königliches haben. Nehmen Sie ein Kissen oder eine Decke auf den Schoß und legen Sie den Gegenstand in die Hände, die im Schoß gebettet sind. Nun schließen Sie die Augen und befühlen den Gegenstand mit Ihren Händen. Machen Sie sich mit ihm vertraut und erkunden Sie ihn. Was gibt es alles zu entdecken? Ungefähr so, als ob Sie eine innerliche Landkarte für diesen Gegenstand erstellen und als ob Sie noch nie in Ihrem Leben diesen Gegenstand gefühlt hätten.
Die zweiten fünf Minuten: Nun bringen Sie die Aufmerksamkeit in Ihre Hände und berühren den Gegenstand so, dass es Ihnen Freude bereitet. Wie ist die Berührung für Sie, in Ihrer Hand am schönsten? Sie können auch den Gegenstand in der einen Hand halten und damit die andere Hand berühren. Vertrauen Sie hier ganz Ihrem Körper. Benutzen Sie die Hände als aufnehmendes Organ und geben Sie sich innerlich die Erlaubnis, dass die Berührung Ihnen Freude machen darf.
Reflexion: Wie geht es Ihnen nach dieser kleinen Handfühlübung?
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