Wir verdrängen die ökologische Realität und halten zerstörerische Systeme aufrecht. Tiefenökologin Joanna Macy spricht im Interview über Wege aus der Krise und warum wir ein kollektives Erwachen brauchen.
U\W: Joanna Macy, wie würden Sie den Zustand der heutigen Welt beschreiben?
Joanna Macy: Wir erleben die letzten Jahre eines industriellen Wachstumssystems, das auf einer ständigen Ausbeutung der Rohstoffe basiert und die lebenserhaltenden Systeme dieses Planeten zerstört. Unabhängig von dem, was wir jetzt dagegen unternehmen, ist es sicher, dass künftige Generationen dazu verdammt sein werden, in einer schwer geschädigten Umwelt zu leben.
Darauf reagieren viele Menschen mit Angst. Die soziale Hysterie wächst und äußert sich in religiösem Fundamentalismus, in Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Oder die Menschen fühlen sich von der Angst gegenüber all den Problemen wie gelähmt und lenken sich mit flacher Unterhaltung ab, die von einer milliardenschweren Medienindustrie angeboten wird. Das bedeutet, sie machen dicht.
Ich glaube, dass von all den Gefahren, die uns drohen – sei es der Klimawandel, die Umweltverschmutzung, das Artensterben –, keine Gefahr so groß ist wie die der Verdrängung. Denn dann passiert all das unkontrolliert.
Doch selbstorganisierende Systeme – ob es nun eine Gemeinde, eine Nation oder ein Planet ist – korrigieren Fehlentwicklungen durch Rückkopplung. Jedes System, das seine Rückkopplung abblockt, begeht Selbstmord. Jedes System, das sich weigert, die Konsequenzen seines Handelns zu sehen, ist suizidal.
Wie kommt es zu dieser gefährlichen Verdrängung?
Wir glauben, so zerbrechlic
h und klein zu sein, dass es uns in Stücke reißen würde, wenn wir es uns erlauben, unsere Gefühle über den Zustand der Welt anzuschauen. Wir fürchten eine tiefe Depression oder Lähmung.
Tatsächlich ist das Gegenteil richtig. Wenn wir die Gefühle aussprechen, merken wir, dass wir nicht isoliert sind, sondern dass dieser Schmerz weit über das kleine Ego hinausgeht. Wir sehen, dass er Konsequenzen hat, die jenseits unserer individuellen Bedürfnisse und Wünsche liegen. Wir erfahren dann nämlich eine Art größerer Identität.
Wenn wir den Schmerz, den wir für die Welt fühlen, unterdrücken, dann isoliert uns das. Wenn wir ihn akzeptieren, anerkennen und darüber sprechen, dann wird er zum lebendigen Beweis der Verbundenheit mit allem Lebendigen.
Und er setzt Hilfsbereitschaft frei. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass der Schmerz über den Zustand der Welt und die Liebe für die Welt untrennbar miteinander verbunden sind. Das sind nur zwei Seiten derselben Medaille.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 128: „Verbundenheit"
Keine Gefahr heute ist so groß wie die der Verdrängung.
Wir erleben die unterschiedlichsten Krisenphänomene auf ökonomischen, sozialen, ökologischen Ebenen. Sind das verschiedene Krisen oder nur Symptome einer einzigen Problematik?
Die drohenden Gefahren und das Leid der Menschen auf diesem Planeten sind der Ausdruck davon, dass die herkömmliche Art, die Welt wahrzunehmen und zu verstehen, vor dem Bankrott steht.
Diese Einsicht ermöglicht es aber auch, uns für ein sehr viel größeres Verständnis des Lebens zu öffnen. Der Kern dieser neuen Sichtweise liegt darin, die Welt in einem größeren lebendigen Kontext wahrzunehmen.
Unsere Stellung in der Welt verändert sich grundlegend, wenn wir sie als ein lebendiges System verstehen und uns selbst als einen Teil eines im weitesten Sinn lebendigen Erdkörpers definieren. Diese Perspektive kann die Art unserer Beziehung zur Welt, unsere Kreativität, die Lebensqualität verändern und inneren und kollektiven Wachstum ermöglichen.
Wie gehen wir damit um, dass diese Perspektive in ökonomischen und politischen Entscheidungen bislang nicht vertreten ist? Verlieren wir das Gefühl für Zukunft?
Tatsächlich ist unser Zeithorizont im Vergleich zu dem unserer Vorfahren sehr klein geworden. Frühere Generationen haben ihre Existenz viel mehr auf jene ausgerichtet, die nach ihnen kamen.
Diese Abgetrenntheit von der Tiefe der Zeit ist ein Merkmal unserer industriellen Wachstumsgesellschaft und bleibt nicht ohne Folgen.
Wenn wir den Schmerz zulassen, entsteht Verbundenheit.
Was geschieht, wenn man die Zukunft aus dem Blick verliert?
Wir verlieren das Gefühl, ein Teil größerer universeller Zyklen in Raum und Zeit zu sein.
Es isoliert uns und vermittelt den Eindruck, keinen Einfluss zu haben. Es wirkt also psychologisch und spirituell als ein Gefühl der Unfähigkeit und Abgetrenntheit. Das wiederum führt dazu, dass wir im Alltag bereit sind, für ein wenig mehr Profit und ein bisschen mehr Geld im Portemonnaie das zu verbrauchen, was eigentlich künftigen Generationen gehört.
Dass wir so mit der Zukunft umgehen, hätten unsere Vorfahrinnen und Vorfahren für geisteskrank gehalten. Insofern ist unsere Wahrnehmung von Zeit tatsächlich ein integraler Teil der Zerstörung der Welt.
Wir handeln also in der Gegenwart aus unserem beschränkten Verständnis von Zukunft. Können wir überhaupt für künftige Generationen handeln?
Davon bin ich überzeugt.
Es ist ein moralischer Akt, Generationen nach vorne zu denken, uns in die Wesen der Zukunft hineinzuversetzen und von dort aus auf unsere Gegenwart zurückzuschauen. Wenn man diesen geistigen Sprung in eine unbekannte Zukunft einmal macht, dann befreit man sich von Begrenzungen, alten Überzeugungen und Annahmen. Nehmen wir nur einmal unseren Umgang mit Atommüll oder die Gentechnik als Beispiel: Diese Technologien wirken ungeheuer tief in die Zukunft hinein, was wir übersehen, wenn wir uns nicht mit der Zukunft verbinden.
Dann treffen wir solche Entscheidungen in Eile und unter Zeitdruck und kreieren Folgen bis in alle Ewigkeit.

Wie werden die Wesen der Zukunft auf uns zurückschauen?
Wenn künftige Generationen auf den Beginn des 21. Jahrhunderts zurückblicken, werden sie wahrscheinlich von der „Zeit des großen Wandels“ sprechen.
Denn jetzt, in dieser Zeit, müssen wir den Wandel von einer industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer Gesellschaft schaffen, die das Leben langfristig erhält. Das ist eine enorme Veränderung.
Braucht es dafür eine andere spirituelle Grundlage, die unser Weltbild entsprechend verändert?
Wir brauchen etwas anderes als traditionelle Religiosität.
Wir brauchen auch mehr als stille Meditation. Statt einer nur nach innen gerichteten Versenkung braucht es eine Art der „sozialen Mystik“, in der Meditation und soziale oder ökologische Aktion eins werden. Diese Ansätze sind ein wesentlicher Zweig im Buddhismus, waren schon immer im islamischen Sufismus vorhanden und tauchen unter dem Begriff der Schöpfungsspiritualität auch im Christentum auf.
Immer mehr Menschen beginnen, sich zudem für die erdverbundenen Weisheiten indigener Völker zu interessieren.
Spirituelle Frauen entdecken in den Traditionen uralter Mutter-Göttinnen fast verlorene ganzheitliche Konzepte. All diese Sichtweisen betonen die lebendige Heiligkeit der Welt.
Der Weg geistiger Suche wird hier nicht länger als eine Flucht aus der schlechten Welt in irgendeinen paradiesischen Himmel angesehen. Vielmehr wird hier die Welt selbst zum Kloster, die Welt selbst als Arena einer geistigen Transformation verstanden. Die Welt wird zum geistigen Lehrer oder gar zum heiligen Ort.
Sie sind buddhistische Theologin und Systemwissenschaftlerin. Wo berühren sich die ganzheitlichen Ansätze aus Religion und moderner Naturwissenschaft?
Die ganzheitlichen Ansätze in Wissenschaft und Theologie betonen im Kern die wechselseitige Verbundenheit des Menschen mit dem Leben und allem, was existiert. Besonders die wissenschaftlichen Einsichten der modernen Allgemeinen Systemtheorie sind für den westlichen Menschen geeignet, die neuerliche Entdeckung dieses Verbundenseins verständlich zu machen.
Bis in die Gegenwart geht die konventionelle westliche Wissenschaft von der Annahme aus, dass man die Welt verstehen und unter Kontrolle bringen kann, in dem man sie in immer kleinere Stücke aufspaltet. Dabei trennte sie den Geist von der Materie, die Organe vom Körper und untersuchte jedes Teilstück für sich.
Dadurch ergaben sich neue Erkenntnisse, aber man übersah auch wesentliche Fragen, etwa wie die Einzelteile zusammenwirken und kooperieren, um das Leben als Ganzes zu erhalten.
Andere holistische Wissenschaftler begannen deshalb in den letzten 50 Jahren damit, mehr das Ganze anstelle der Teile, mehr Prozesse anstelle der isolierten Substanzen zu betrachten. Was sie dabei entdeckten, war, dass dieses Ganze – ob es sich um Zellen, Körper, Ökosysteme oder sogar den Planeten selbst handelt – nicht nur aus einem Haufen einzelner unverbundener Teile besteht, sondern aus dynamischen, kompliziert organisierten und ausgewogenen lebenden Systemen.
Diese stehen miteinander in Beziehung und hängen bei jeder Bewegung, jeder Funktion und jedem Energieaustausch wechselseitig voneinander ab.
Jedes Element ist Teil eines größeren Musters, das sich aufgrund von erkennbaren Prinzipien verbindet und entwickelt. So entstand die Allgemeine Systemtheorie, die diese Einsichten verband. Im Buddhismus spricht man von „gegenseitig bedingtem Entstehen“. Das ist die Erkenntnis, dass nichts für sich allein, sondern nur verbunden mit anderem bestehen kann. Da zum Beispiel berühren sich Spiritualität und holistische Wissenschaft.
Wir sollten mehr von der Zukunft her denken und handeln.
Der Begriff des „lebenden Systems“ scheint dabei zum neuen Schlüsselwort zu werden ...
Diese systemische Betrachtungsweise der Wirklichkeit wird von vielen Denkern zumindest als die größte und weitreichendste kognitive Revolution unserer Zeit angesehen.
Der Anthropologe Gregory Bateson nannte sie „den größten Bissen vom Baum der Erkenntnis seit 2.000 Jahren“. Denn die systemische Sichtweise hat die Linse verändert, durch die wir die Realität sehen.
Anstatt beliebige getrennte Einheiten wahrzunehmen, werden wir uns heute mehr und mehr verbindender Ströme bewusst – den Strömen von Energie, Materie und Information. Lebewesen werden in diesen Strömen als dynamische Muster im Netz des Lebens wahrgenommen.
Die neue Sichtweise, die die Systemtheorie bietet, trägt der biologischen Tatsache Rechnung, dass Lebewesen, auch wir Menschen, offene Systeme sind, die in ständigem Austausch mit ihrer Um- und Mitwelt leben und überleben. Durch Interaktionen formen sie Beziehungen, die ihrerseits wieder die Umwelt selbst gestalten.
Angesichts von Klimakrise, Kriegen und Finanzkrisen: Wie kann die buddhistische Lehre heute helfen, mit der zunehmenden Megakrise umzugehen?
Wir befinden uns in einem riesigen Raum ohne Landkarte. Angesichts des wahrscheinlichen wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der drohenden Klimakatastrophe haben wir das Gefühl, dass alte Gewohnheiten und alte Szenarien nicht mehr gelten.
Im tibetischen Buddhismus wird ein solcher Raum oder die Lücke zwischen den bekannten Welten als Bardo bezeichnet. Dieses Schwellenland ist beängstigend, aber es ist auch ein Ort der potenziellen Transformation.
Wenn du das Bardo betrittst, lautet die Anweisung: „Schaut nicht weg! Wendet euch nicht ab!“ Diese Lehre fordert radikale Aufmerksamkeit und totale Akzeptanz. Das gilt auch heute.
In den letzten 40 Jahren habe ich aus diesem Verständnis eine Form der erfahrungsorientierten Gruppenarbeit entwickelt, die ich die „Arbeit, die wieder verbindet“ nenne. Es ist ein Rahmen für persönlichen und sozialen Wandel angesichts überwältigender Krisen – ein Weg, um Verzweiflung und Apathie in gemeinsames Handeln zu transformieren.
Diese Arbeit hilft den Menschen, die Wahrheit darüber zu sagen, was sie angesichts dessen, was mit unserer Welt geschieht, sehen und fühlen. Sie hilft ihnen auch, die Motivation, die Werkzeuge und die Ressourcen zu finden, um sich an der kollektiven Selbstheilung zu beteiligen.
Es ist kein Wunder, dass das Bardo heute wie zu Buddhas Zeiten einen Ort darstellt, an dem das Unbekannte, sogar das Unvorstellbare geschehen kann und wo wir, die wir eintreten, tiefgreifend verändert werden.
Wenn wir es wagen, uns den grausamen sozialen und ökologischen Realitäten zu stellen, an die wir uns gewöhnt haben, entsteht aus der Verzweiflung Mut. Und es werden Kräfte in uns freigesetzt, die es ermöglichen, sich neu zu orientieren und vielleicht sogar eines Tages eine neue Welt zu erschaffen. Deshalb rate ich: Schauen Sie nicht weg!
Wie können wir diese Erkenntnisse ins Leben bringen und die Welt transformieren?
Wir müssen einerseits so etwas sein wie Sterbebegleiter für die alte Kultur und andererseits Hebammen für die neue Kultur.
Beides muss zur selben Zeit geschehen. Das war zu allen Zeiten des kulturellen Wandels in der Evolution so. Auch politische Arbeit und die Entwicklung des Bewusstseins sind Faktoren, die voneinander abhängen.
Wir müssen in dieser Schwellenzeit alles zugleich tun. Denn wenn wir Wahrnehmung und unser Denken verändern, werden wir politisch effektiver. Und wenn wir politisch etwas riskieren, dann ändert sich auch unsere Wahrnehmung.
Die 94-jährige Joanna Macy war eine der großen Weisen unserer Zeit. Nach ihrem Studium der Politischen Wissenschaften kam sie früh mit dem Buddhismus in Kontakt. Gemeinsam mit dem Dalai Lama und Thich Nhat Hanh galt sie als Begründerin des modernen Engagierten Buddhismus. Als Pazifistin, Ökologin und Menschenrechtlerin engagierte sie sich in der Bürgerrechtsbewegung. Sie entwickelte die Philosophie der „Tiefenökologie“ und ihren speziellen Ansatz der „Arbeit, die wieder verbindet“ (Work that Reconnects), eine ganzheitliche Methode zur Veränderung des Bewusstseins und des Weltbilds.
Foto © Adam Loften




