Achtsamkeit & Meditation

Nicht nur auf dem Meditationskissen meditieren, sondern auch bei ganz alltäglichen Tätigkeiten.

Ich habe einen kleinen Tempel in meiner Wohnung. In ihm stehen ein Herd, ein Kühlschrank, eine Spüle. Für eine Statue ist kein Platz. Ich muss Buddha in meinem Herz-Geist mitbringen. Gegen elf Uhr halte ich vor der Arbeitsfläche inne, atme dreimal bewusst ein und aus, und mein Retreat beginnt: Ich koche ein Mittagessen.

Dogen Zenji, der Gründer der Soto-Zen-Schule, schrieb im 13. Jahrhundert sein Werk „Eihei Shingi“, in dessen erstem Kapitel, „Tenzo Kyokun“, er Anleitungen für den Tenzo, den Zen-Koch, gibt. Der Koch ist in Zen-Klöstern nach dem Abt die wichtigste Person. Denn in der Zubereitung eines Essens kann sich die gesamte buddhistische Lehre ausdrücken: „Ihr sollt eine Gesinnung in euch tragen, welche die Lehre des Buddha auf die letzten Teilchen des Lebens überträgt und selbst aus Grünzeug Tempel baut.“ Mit Gesinnung meint Dogen eine innere Haltung: das Bewusstsein von der Einheit allen Seins, die Aufhebung der Trennung zwischen „mir“ und „dem da draußen“, zwischen meinem Geist und dem Gemüse. Wir können das Tenzo Kyokun also auf zwei Ebenen lesen: als konkrete Anweisung für die Arbeit in der Küche und als Anleitung für ein Leben im Geist des Zen.

Das Zen hat mich Einfachheit gelehrt.

„Eure Einstellung zu den Dingen soll nicht von deren Qualität abhängen.“ Es ist bestürzend zu sehen, wie viele Lebensmittel weggeworfen werden, nur weil sie nicht mehr knackig frisch aussehen. Die Wertschätzung alles Lebendigen beginnt mit der Achtung für ein Blatt Gemüse und führt zu tief gehenden Fragen: Wie gehe ich mit Tieren um, wie mit meinen betagten Eltern? Auch die Überlegung, ob mein Herd oder der alte Wasserkocher nicht noch gut genug sind, ist angesichts der weltweiten Ressourcenknappheit bedeutsam. Das Zen hat mich Einfachheit gelehrt. Ich koche nicht mehr nach komplizierten Rezepten. Im Intersein-Zentrum im Bayerischen Wald, in dem ich Retreats leite, gibt es dreimal am Tag jeweils ein Gericht aus einem großen Topf. Das Leben ist ja auch kein Büfett, aus dem man sich das Gewünschte herauspicken kann. Heute entdecke ich im Kühlschrank einen schon etwas welken Kopf Radicchio und eine halbe Birne. Als ich in Italien lebte, lernte ich, dass man fast jeden Salat auch kochen kann. Das schenkte meinem Speiseplan ganz neue Möglichkeiten, und ich sah wieder einmal, dass festgefahrene Gewohnheiten aller Art das Leben eng und unkreativ machen.

Ich koche heute ein Risotto mit Birnen und Radicchio; dafür würfle ich zuerst eine Schalotte. Ich kenne Menschen, die wegen der tränenerzeugenden Eigenschaft der Zwiebeln nie welche verwenden, und frage mich, wie sie mit den Herausforderungen des Lebens umgehen, die sie nicht einfach verbannen können. Den Radicchio schneide ich in feine Streifen. Allmählich findet das Messer seinen Rhythmus. Es dringt gleichmäßig und weder zu tief noch zu oberflächlich in die Blätter. Das leise Klacken auf dem Schneidbrett ist wie der Takt eines Metronoms, und ich schwinge mit. Kein Gedanke stört die Verbindung zwischen mir, dem Messer und dem Gemüse. Eine meditative, völlig unspektakuläre Tätigkeit, aber immer wieder spüre ich in solchen Momenten die Freude am schieren Dasein. Das Fenster steht offen. Die Vögel zwitschern. Das Wasser im Kocher beginnt zu sieden.

„Damit ihr nicht Reis zugleich mit Sand wegwerft, müsst ihr immer die Augen offen halten.“ In meinem Risottoreis aus dem Bioladen ist natürlich kein Sand mehr. Aber diese Ermahnung von Dogen hat im Lauf der Jahrhunderte ihre Bedeutung für unser Leben nicht verloren. Wir sollten unsere Handlungen, Beziehungen und vor allem unsere Meinungen und Überzeugungen immer wieder daraufhin durchsehen, ob sie für uns und andere Nahrung sind oder „Sand“, den wir aus unserem Leben entfernen müssen.

„Denkt an den Deckel des Reistopfes wie an euren eigenen Kopf und glaubt, dass das Waschwasser für den Reis euer eigenes Leben ist.“ Ein Risotto ist wie unser Leben: Man darf es nicht aus den Augen lassen, es verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn wir uns um uns selbst nicht mehr kümmern, laden wir das Chaos auf allen Ebenen ein. Unsere Kleidung, die Pflanzen und die Dinge um uns herum verschmutzen, zerbrechen, verdursten, und unser Geist verdurstet mit ihnen. Der Geist braucht die Nahrung unserer Achtsamkeit und Zuwendung, um frisch und klar zu bleiben. Ich gieße Brühe an und rühre, gieße und rühre. Der Radicchio fällt währenddessen in der Pfanne in einer Öl-Butter-Mischung in sich zusammen. Ich bin immer wieder fasziniert von der Verwandlung, die in Töpfen und Pfannen geschieht. Warum haben wir so viel Angst vor der Veränderung, dass wir einen einmal erreichten Zustand unbedingt festhalten wollen? Das Leben selbst ist ein großer Topf, in dem unablässig Verwandlung geschieht. Etwas tritt ins Sein, etwas anderes verabschiedet sich.

„Verwendet eure Lebenskraft dazu, aus den Umständen, die auf euch zukommen, eine Einheit mit eurem Leben zu gestalten und die Dinge an ihren richtigen Platz zu setzen.“ Die Umstände können in Form eines acht Kilo schweren geschenkten Muskatkürbis eintreten oder als eine ärztliche Diagnose, die unser Leben verändert. Beide Ereignisse fordern uns auf, eine Beziehung zu ihnen herzustellen; sie gehören zu uns. Wir suchen im Gefrierschrank einen Platz für den Kürbis und stellen unser Leben um, weil die Krankheit jetzt in ihm die Hauptrolle spielt. Wir werden also ermahnt, nichts zu ignorieren oder in irgendeine Ecke zu schieben, sondern allem, was uns widerfährt, einen gebührenden Platz im Leben einzuräumen.

Kein Gedanke stört die Verbindung zwischen mir, dem Messer und dem Gemüse.

Dogen sagt, dass sich in einem gut zubereiteten Mahl alle sechs Geschmacksrichtungen in Harmonie befinden müssen: bitter, sauer, scharf, süß, salzig und neutral. Wie ist der Geschmack unseres Lebens in diesem Moment – überwiegt vielleicht das Bittere, ist zu viel Süße da, fehlt das Salz? Brauchen wir mehr Disziplin oder, im Gegenteil, ein wenig Abwechslung vom immer Gleichen? Der Weg des Buddha vermeidet alle Extreme. Er wird deshalb „der mittlere Weg“ genannt. Ich schwenke die Birnenstückchen im Radicchio, schmelze einen Löffel Blauschimmelkäse im Reis und mische alles zusammen. Mein Risotto ist geschmacklich in Harmonie. Ich fülle es in die japanische Holzschale, um meiner Arbeit einen würdigen Rahmen zu geben. „Tag und Nacht, was immer euch begegnet, ist euer Leben.“ Der Buddhismus fordert uns nicht zur Askese auf. Wir dürfen unser Essen genießen und uns an schönen Dingen erfreuen. Und doch ist unsere Haltung zu ihnen im Tiefsten keine andere als zu den Schwierigkeiten, die ebenfalls da sind. Auf dem Meditationskissen sitzen wir in einer bestimmten äußeren Form, die eigentlich nur deshalb wichtig ist, weil sie eine innere Form erzeugt: eine Haltung der Stabilität, die sich weder in den Abgründen der Verzweiflung noch in der Ekstase verliert. Wenn ich bewusst bin, halte ich die Form im täglichen Leben. Aber in Momenten der Unbewusstheit hält die Form mich. Dann kann ich nach dem Essen, obwohl ich müde bin, die Küche mit derselben Ruhe säubern, mit der ich vorher gekocht habe.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 120: „Lebendiger Buddhismus"

UW120


„So sollt ihr nicht einen einzigen Tropfen Kraft vom Ozean der Kraft verschwenden.“ Wir leben, wie wir kochen: unaufgeregt und ohne ein Drama zu veranstalten. Was Dogen hier „Ozean der Kraft“ nennt, hat durch die Jahrtausende von den Lehrern viele Namen erhalten: Bewusstsein, wahres Selbst, die absolute Dimension. Jede Anweisung im Tenzo Kyokun dient letztendlich dem Zweck, den Koch zum Erwachen zu führen. Die Köchin widmet sich hingebungsvoll dem Schneiden und Rühren und berührt dabei die transzendente Dimension. Ein weiter Raum im Geist entsteht, in dem die Gedanken und Gefühle kommen und von selbst wieder gehen, weil es niemanden gibt, der sich mit ihnen identifiziert. Diese Ebene aber ist nur der Erfahrung zugänglich, und deshalb verliert das strenge Zen darüber kein Wort. Eine Zen-Meisterin würde zu mir sagen: „Hast du dein Risotto gegessen? Dann geh und wasche deine Schale.“

Margrit Irgang, Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert Zen seit 1984, von 1992 bis zu seinem Tod im Januar 2022 bei Thich Nhat Hanh. Sie leitet Retreats, schreibt Bücher und Rundfunksendungen zu den Themen Spiritualität und Achtsamkeit und bloggt auf: www.margrit-irgang.blogspot.de.

Übersetzung des Tenzo Kyokun von Francois-A. Viallet aus: Kosho Uchiyama Roshi „Zen für Küche und Leben“, Angkor Verlag 2007

Bild Teaser & Header © Pixabay

Illustration im Text © Francesco

Kommentare  
# Peter Raab 2022-06-13 20:10
Vielen Dank, liebe Margrit. Ein schöner, ein guter, ein wertvoller Impuls. Ich stehe auch fast täglich in der Küche beim Vorbereiten des Essens und werde mich daran erinnern. Morgen ist Eva am Kochen dran.
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