Achtsamkeit & Meditation

Immer mehr Menschen gehen im Winter bei eisigen Temperaturen ins Wasser. Manche, um sich zu sportlichen Höchstleistungen zu pushen. Andere, weil sie ihren Körper neu erfahren wollen – und damit auch den Geist trainieren.

In meiner Winterjacke stehe ich am Ufer des Neufelder Sees in der Nähe von Wien und schaue über das ruhige Wasser. Das Strandcafé hat die Läden fest verschlossen. Auf den blätterlosen Bäumen im Seebad sind Hinweisschilder angebracht: „Achtung, Eislaufen auf eigene Gefahr“. Vorsichtig stecke ich den Finger ins Wasser. In mir schaudert es. Und da soll ich wirklich hineingehen?

Wenig später hält Kältetrainerin Sonja Flandorfer ihr Thermometer in den See. 7,5 Grad – also „noch warm“. Flandorfer scherzt nicht. Alles über fünf Grad gilt als Winterschwimmen, erklärt sie, darunter kann man überhaupt erst von Eisschwimmen sprechen.

Beim Eisbaden geht es um Vertrauen in sich selbst, um Wahrhaftigkeit und um Commitment.

Wie tausend Stiche auf der Haut soll sich das Eisbaden anfühlen, wie tausend Schnitte, beschreiben es andere. Nach einigen Atemübungen stelle ich mich ans Ufer. Langsam aber bestimmt, so leitet mich die Kältetrainerin Flandorfer an, setze ich einen Fuß vor den anderen, während das Wasser an mir immer höher steigt. Bis zum Bauch stehe ich im See. Mein Atem wird immer schneller. Tief einatmen. Und ausatmen.

Einige Hundert Kilometer weiter südlich ist Profi Claudia Müller am Werk: Irgendwie hat sie es geschafft, sich aus dem nassen Badeanzug zu schälen, eine weite Hose und einen Pulli überzuziehen und die Beine in dicke, weiße Wollstiefel zu stecken, das Ganze fast blind, denn sie spürt ihre Hände und Füße nicht. Ihr Mann hat ihr noch in einen Wärmemantel geholfen, „Austria Ice Swimming Team“ steht auf ihrem Rücken. Die Kapuze hat sie über den Kopf gezogen. Das Gesicht vergräbt sie tief im Mantel. Ihre Arme sind eng um ihren Brustkorb verschränkt. Die Weltmeisterin zittert am ganzen Körper. Ihre Körperkerntemperatur liegt bei vielleicht etwas über 34 Grad. Mit aller Energie versucht ihr Körper, wieder warm zu werden. Doch anstatt aufzuwärmen, wird er, jetzt wo sie das 3,8 Grad kalte Wasser wieder verlassen hat, nur noch kälter.

Eisschwimmen findet in den vergangenen Jahren regen Zulauf. Die wenigsten betreiben den Sport so extrem wie Claudia Müller aus Stainz in der Steiermark. Müller ist fünffache Weltmeisterin im Winterschwimmen und eine von nur zwei Österreicherinnen, die „die Eismeile“ geschwommen sind, quasi den Mount Everest des Eisschwimmens. Bei einer Wassertemperatur von unter fünf Grad hat sie vor einem Jahr in Burghausen in Deutschland 1.609 Meter – also eine Meile – zurückgelegt.

Am Puchsteg in Graz, am Ufer der Mur, ist es ruhig geworden. Der Jubel der rund 30 Schaulustigen und Wegbegleiter ist über dem Fluss verhallt, einige schauen nun Claudia Müller beim Zittern zu. Die Reporter des österreichischen Fernsehsenders ORF positionieren ihre Kamera noch einmal neu.

An diesem Dezembertag an der Mur hat sich Müller vorgenommen, einen Kilometer zu schwimmen, für einen karitativen Zweck. Der Nieselregen hat noch rechtzeitig aufgehört, laut Wetterbericht sind es drei Grad in Graz. Schnell zieht sich Müller bis auf den Badeanzug aus, setzt sich ihre Badehaube auf und bindet sich die knallorangene Sicherheitsboje um den Bauch. Noch rasch ein Foto vor der Sponsorenwand, und schon ist sie im Wasser.

Wasser

Wenn Müller ins Eiswasser steigt, dann ist das mehr als bloß ein Schritt ins kalte Wasser. Schon als Kind wollte die heute 51-Jährige Schwimmerin werden. Schwere Hüft-OPs im Teenageralter haben das aber verhindert. Die Ärzte sagten zu ihr, dass sie, wenn überhaupt, eines Tages vielleicht drei Kilometer laufen können würde.

Mittlerweile hat sie einen Iron Man hinter sich und drei weitere Triathlons absolviert. Sie hat fünfmal beim 24-Stunden-Schwimmen gewonnen und bei der Winterschwimm-WM im vergangenen Jahr fünf Goldmedaillen gemacht. Wenn Müller ins Eiswasser steigt, dann ist das ein Sieg über das vermeintlich Unmögliche.

Auch Sonja Flandorfer, die mit mir am Neufelder See eisbadet, kann bis zu 500 Meter im Eiswasser schwimmen. Sie legt aber den Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung durch das Eisbaden. Früher hat sie die Kälte gehasst und in Gedanken ihre Auswanderung in den Süden geplant. Mittlerweile hat sie über tausend Menschen ins Eisbad begleitet. Als einzige Wim-Hof-Instruktorin Österreichs wendet sie den Gang ins kalte Wasser an, um mit Atemtechnik, Kälte und dem richtigen Mindset, wie sie es nennt, eigene körperliche wie mentale Grenzen zu verschieben. Denn beim Eisbaden geht es um Vertrauen zu sich selbst, um Wahrhaftigkeit und um Commitment: „Du kannst nicht ein bissl ins kalte Wasser gehen“, sagt sie. Entweder man geht ins kalte Wasser oder nicht.

Rasch zieht sie am Ufer ihre Kleidung aus, stellt sich in ihrem schwarzen Badeanzug auf ein Handtuch, geht breitbeinig in die Knie, schließt die Augen und führt ihre Arme in zügigen, gleitenden Bewegungen vor ihrem Brustkorb hin und her. Dabei probiert sie, über die Oberschenkel Hitze zu erzeugen. Das Sonnenlicht reflektiert in ihrer blond-grauen Kurzhaarfrisur. Erst wenn man sich bereit fühlt, sagt sie, solle man ins Wasser gehen. „Entschieden.“ Sie macht einen großen Schritt in den See. „Langsam.“ Noch einen. „Aber ohne Pause und stetig.“

Ich habe es ihr nachgemacht, halte meine Hände am Hinterkopf verschränkt, während ich bis zum Kinn im kalten Wasser stehe. Keine Stiche, keine Schnitte. Die Reize, die der Körper weitergibt, erzeugen bloß ein sehr waches Bewusstsein dafür, dass ich gerade im kalten Wasser bin. Es ist weder besonders angenehm noch besonders unangenehm. Ich lasse mich ganz ins Wasser gleiten, mache einige Schwimmzüge – und folge dann rasch dem Drang wieder hinaus.

Fans des Eisbadens schwören auf die gesundheitlichen Vorteile: Das Immunsystem wird gestärkt, es beugt Entzündungen vor. Eisbaden hebt außerdem die Stimmung und trainiert den Fokus, so Flandorfer. Gefährlich wird Eisbaden nur dann, wenn sich Menschen überschätzen, also „ins Ego abgleiten“, wie Flandorfer es nennt, und nicht auf die eigenen Körpersignale hören. Dann schaut sie ihren Teilnehmern in die Augen und fragt: Bist du sicher, dass du noch einmal reingehen willst? „Im Eiswasser kann man nicht lügen“, hat sie gelernt.

Nicht länger als zwei bis drei Minuten rät sie, im Wasser zu bleiben. Auch nach vielen Bädern kostet es Flandorfer immer wieder Überwindung, ins kalte Wasser zu gehen. Aber heute weiß sie, wie sie damit umgeht. „Deswegen werde ich es auch jedes Mal schaffen.“

Zurück beim Puchsteg in der Mur, zieht Claudia Müller seit über zehn Minuten den linken, den rechten, den linken, den rechten Arm vor. Der Kopf bleibt mehrere Züge durchgehend im Eiswasser, ihr Trainer begleitet sie auf einem Stand Up Paddle Board und feuert sie an: „Ziag durch!“ Nach 500 Metern spürt Müller ihre Hände und Füße nicht mehr, der Körper ist im Notprogramm. Nur noch der Kern, also Rumpf und Gehirn werden ordentlich durchblutet. Ohne Trainer würde sie es kaum schaffen, weiter zu schwimmen. Seine Kommandos werden technischer: „Kopf runta!“, „Beine hoch! und: „Ned langsamer werden!“

Nach fast zwanzig Minuten macht Claudia die letzten Züge. Am Ufer feuern sie alle an. Als sie aus dem Wasser steigt, setzt sie sich auf den nackten Beton: „Was war meine Zeit?“, will sie wissen.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 118: „Zufriedenheit"

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Langsam breitet sich eine tiefe Kälte in ihrem Körper aus. Das kühle Blut aus den Extremitäten beginnt sich mit dem warmen aus dem Körperinneren zu vermischen. Und dann setzt das Zittern ein, der „Afterdrop“. Keine schnellen Bewegungen, heißt es jetzt, nicht zu schnell in die Wärme gehen. Wenn zu viel kaltes Blut zu schnell zum Herzen kommt, kann das fatale Folgen haben.

Bibbernd verschränkt Müller ihre Arme – mal zittert sie bewusst, mal passiert es einfach. „HA!“, hört man es plötzlich aus der Kapuze rufen. Ihr Kopf taucht aus dem Mantel auf. „HU!“ und „JAAA“, ruft sie über die Mur. Sie hat es geschafft. Ihr Ziel ist erreicht. Die Frau, der gesagt wurde, dass sie kaum Sport im Leben treiben wird können, hat gerade eine weitere Extremleistung vollbracht. „Ich hab ja gewusst, ich kann das auf alle Fälle“, wird sie in die Kamera sagen. Und das Zittern wird noch länger anhalten.

Dr. Anna Sawerthal ist Tibetologin und Journalistin. Sie studierte in Wien, Nepal, Lhasa und Heidelberg. Sie lebt in Wien.

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