Achtsamkeit & Meditation

In der westlichen Welt nehmen Stille, Ruhe und Einkehr wenig Raum ein. Für den Buddhisten Stephen Batchelor sind sie jedoch essenziell, auf dem Weg zu sich selbst.

Sie haben ein Buch über das Alleinsein geschrieben. Es ist im Frühjahr 2020 kurz vor dem Corona-Lockdown erschienen. Durch die Ausgangsbeschränkungen mussten viele Menschen plötzlich ohne andere auskommen. Warum ist das schwierig?

Alleinsein ist für viele Menschen eine Herausforderung, weil sie nicht mit den aufkommenden Gefühlen und Emotionen umgehen können. Sie fühlen sich isoliert und einsam. Doch es bietet die Möglichkeit, sich mit sich selber auseinanderzusetzen, sich besser kennenzulernen. Es hätte auch die Zeit sein können, darüber nachzudenken, was im Leben tatsächlich wichtig ist. Was ist der Sinn des Lebens? In was für einer Welt möchte ich leben? Im Alltag kann man solchen Fragen ja immer gut aus dem Weg gehen.

Kann Isolation positiv und negativ empfunden werden?

Für manche Menschen ist das Alleinsein eine pure Freude, für andere ist es die Hölle. Nicht umsonst ist die Einzelhaft eine der schlimmsten Strafen. Genau deshalb finde ich die Auseinandersetzung mit dem Thema so spannend.

Wann haben Sie angefangen, sich mit der Kunst, „mit sich alleine zu sein“, zu beschäftigen?

Genau zur selben Zeit, als ich begonnen habe, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen. Seitdem befasse ich mich mit mir selbst und frage mich, was es bedeutet, wirklich mit mir zu sein. Es gibt einen großen Unterschied zwischen „mit sich alleine sein“ und Einsamkeit. Auf Englisch gibt es das schöne Wort „solitude“ dafür. Es hat keine negative Assoziation. Alleine sein bedeutet für mich: sich um mich selbst zu kümmern, zu lernen, sich zu verstehen, sich zu akzeptieren, sich zu mögen und einen Sinn im Leben zu finden.

Welche Rolle spielt da der Buddhismus?

Buddha steht für ein ausgeglichenes und erfülltes Innen- sowie Außenleben. Alleinsein ist Selbstfürsorge. Wenn man sich mit sich auseinandersetzt, verändert man sich. Es führt auch zu einem anderen Umgang mit den Mitmenschen. Desto mehr wir in uns selber ruhen, umso freundlicher, mitfühlender und aufmerksamer können wir auch zu anderen sein.

Kann Selbstfürsorge nur alleine stattfinden?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem physischen Alleinsein und dem, was ich unter „solitude“ verstehe. Ich kann alleine auf einem Berggipfel sitzen, aber mit den Gedanken ganz woanders sein. Die spirituelle Kunst des Mit-sich-Alleinseins kann überall praktiziert werden, auf dem Berggipfel oder in einer Stadt voller Menschen. Das lehrt einen die Meditation. Es geht darum, den Fokus und die Sensibilität zu schärfen sowie unser Verständnis für Beziehungen zu anderen zu stabilisieren. Dies bildet die Basis für innere Stärke und den Mut, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen.

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Finden sich dazu im Buddhismus genaue Anleitungen?

Lange Lehrtexte gibt es nicht, aber ich denke jedes Mal, wenn ein Buddhist sich in Achtsamkeit, Konzentration und Meditation übt, macht er einen Schritt zurück von der Welt. Viele Buddhisten fahren auf Retreats, um Zeit für sich zu haben. Die Idee, Zeit mit sich zu verbringen, ist ganz zentral im Buddhismus. Aus den buddhistischen Lehren können wir erfahren, wie wir alleine leben lernen und wie Selbstfürsorge und Fürsorge kultiviert werden können. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dies eine Metapher für Nirvana ist. Es ist ein Zustand, in dem der Geist nicht mehr umherirrt und von Angst, Anhaftung, Gier, Hass und Egoproblemen getriggert wird. Die meisten buddhistischen Meditationen sind Anleitungen dafür.

Wie war Ihr eigener Weg dorthin?

Mit neunzehn Jahren habe ich angefangen, mich für den Buddhismus zu interessieren, und bin nach Indien gereist. Dort verbrachte ich zehn Jahre als Mönch im Kloster. Vier Jahre davon habe ich in einem Zen-Kloster in Korea gelebt und jeden Sommer und jeden Winter dort drei Monate ein Schweige-Retreat absolviert. Täglich wurde zehn Stunden meditiert – mit dem Blick meist gegen die Wand. Dabei sollten wir uns immer und immer wieder die Frage stellen: Was ist das?

Klingt fordernd …

Man lernt sich sehr gut kennen. Ich habe dort ganz wundervolle Zeiten erlebt, nur der Anfang und das Ende des Retreats waren immer eine Herausforderung. Jedes Mal habe ich etwa zwei Wochen gebraucht, um mich einzuleben. Mein Geist musste sich zuerst entwirren, erst dann kehrte Ruhe ein, und der Meditationsalltag wurde zur Normalität. Sicherlich gab es auch während des Retreats gute und schlechte Tage, aber man gelangt auf eine andere Ebene. Das Meditieren an sich ist nicht schwierig, es wird sogar ganz angenehm. Herausfordernd wurde es erst wieder, wenn sich das Retreat dem Ende zu neigte.

Warum?

In den letzten zwei Wochen wurde der Geist wieder unruhig. Es war schwer, nicht ständig in die Zukunft zu schweifen und zu planen. Die letzten Tage waren immer furchtbar, da konnte der Geist gar keine Ruhe mehr finden. Diese Erfahrung ist jedoch eines der kostbarsten Erlebnisse, die ich je hatte, und hat mir in meinem Leben viel geholfen.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über schamanische Rituale. Was haben sie mit dem Alleinsein zu tun?

Ich habe zweimal an einem Ayahuasca-Ritual teilgenommen. Es war eine gute Erfahrung, nicht immer angenehm. Aber es erlaubte mir, eine Perspektive auf mich selbst zu haben, die ich auch in der Meditation nicht ganz erreichen kann. Für einige Momente empfand ich eine große Stille. Wenn das Setting angemessen ist, kommt man in eine tiefe Kontemplation. Ich habe Bestätigung gefunden, dass Entscheidungen in meinem Leben richtig waren. Die Zeremonie war für mich so wie eine Feier, in der ich den Zustand, nur mit mir zu sein, zelebrierte. Aber es öffnete auch mein Herz für die anderen Anwesenden.

Wie steht der Buddhismus zu solchen Ritualen?

Im Buddhismus ist man generell sehr skeptisch gegenüber Substanzen, die den Geist verändern können. In Pali-Texten wird vor allem Bezug auf Alkohol genommen. In den Texten steht, dass Intoxikation zu Pramāda – Achtlosigkeit und Kontrollverlust – führt. Das Gegenteil davon ist Apramāda – Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und ein klarer Geist. Wenn ich jedoch in einer religiösen Zeremonie Ayahuasca nehme, einen klaren Vorsatz habe und dies sehr bewusst mache, dann ist es für mich nicht Pramāda. Mein Geist ist nicht außer Kontrolle. Im Vajrayana-Buddhismus, der tantrischen Bewegung, kommt der Gebrauch von Alkohol vor. Früher haben viele das Kloster verlassen, um zu rebellieren, und sind Metzger geworden oder haben geheiratet. Heutzutage, glaube ich, kann der Gebrauch von Ayahuasca in einem Ritual angewendet zu einer neuen tantrischen Bewegung innerhalb des Buddhismus werden.

Wird dies schon praktiziert?

Es gibt viele Buddhisten in Europa und Amerika, die sich mit dem Schamanismus auseinandersetzen. Allerdings passiert dies still und leise, nur wenige sprechen über ihre spirituellen Erlebnisse. Im Buddhismus arbeitet man mit dem Geist, und die schamanischen Traditionen tun dies auch, manchmal eben mit psychedelischen Drogen. Ich denke, man kann, um die kontemplative Praxis zu vertiefen und sich besser kennenzulernen, auch auf schamanische Praktiken zurückgreifen.

Was hält uns von der Beschäftigung mit uns selbst ab?

Unsere westliche Welt ist sehr laut und geschäftig. Wir haben selten die Chance, uns zu sammeln. Sind wir dann plötzlich doch einmal alleine, mögen wir es nicht. Wir sind es nicht gewöhnt und fürchten uns. Stille halten viele gar nicht mehr aus. Ist man etwa alleine zu Hause, wird sofort der Fernseher eingeschaltet oder das Smartphone zur Hand genommen. Wir füllen uns ständig mit Inhalten von außen auf. Ruhe und Einkehr werden in unserer Gesellschaft nicht geschätzt. Menschen, die gerne Zeit alleine verbringen, werden schnell als asozial oder als Sonderlinge angesehen.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 113: „Grenzen überschreiten"

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Warum ist es aber wichtig?

Der französische Philosoph Blaise Pascal hat gesagt: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Dies trifft auch heute noch zu, denn viele sind allein nicht glücklich. Doch unser existenzieller Zustand ist der des Alleinseins. Meine Gedanken sind sehr real für mich, aber niemand anderer erlebt sie. Ein Stück vom Leben lebt daher jeder nur für sich und einen Teil, den wir mit anderen erleben. Beide sind ein Teil von uns, beide gehören genährt.

Auf welche Weise lässt sich das umsetzen?

Wir können viel aus buddhistischen, aber auch aus anderen kontemplativen Methoden lernen. Meditation ist dabei sehr hilfreich. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten wie die Kunst, also Malen, Schreiben oder Musizieren. Einziger Unterschied: In der Kunst braucht man ein externes Vehikel, wie Farben oder ein Instrument, bei der Meditation braucht man nichts, außer sich selbst. Man arbeitet mit dem Geist, den Emotionen und Gefühlen.

Und wenn man es nicht schafft?

Meditieren ist anfangs nicht einfach, die Gedanken beginnen nach kürzester Zeit zu wandern. Der Geist hätte gerne etwas zum Festhalten, worauf er sich fokussieren kann. Es kann etwas unangenehm sein, so ganz mit sich zu sein, denn häufig mögen wir uns nicht sonderlich. Wir empfinden uns selber nicht als angenehme Gesellschaft. Sich in der Kunst des Alleinseins zu üben, heißt also auch, sich selbst zu lieben, sich akzeptieren zu lernen.

 

Stephen Batchelor ist säkularer Buddhist. Weltweit lehrt er buddhistische Philosophie und Meditation. Er ist Autor zahlreicher Bücher und lebt mit seiner Frau Martine in Frankreich. www.stephenbatchelor.org
 
Tipp zur Vertiefung: Stephen Batchelor, Die Kunst mit sich alleine zu sein, Edition Steinrich 2020

 

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Bilder Stephen Batchelor © Michael Nagl

Kommentare  
# Sandra Beutin 2021-10-08 09:57
Das stimmt. Im Gegenzug: Die Einsamkeit macht jedoch krank. Ich finde das für mich wichtig, diesen Unterschied zu sehen.
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# Frank Paulus 2021-10-08 09:57
Für mich ist Einsamkeit auch ungesund und was anderes als All(einsein), Ruhe und Stille sind unverzichtbar und schwer zu finden in dieser lärmenden Welt
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