Achtsamkeit & Meditation

Immer nur auf dem Kissen sitzen? Es gibt auch andere  Möglichkeiten, um den Geist zu erforschen, etwa mit einer Schreibmeditation.

Schreiben kann Meditation sein. Dies klingt vielleicht verblüffend. Heute schreiben nicht mehr so viele Menschen etwa Tagebücher oder Briefe mit der Hand. Dabei gibt es im Schreiben viel zu entdecken. Vor allem über sich selbst. Meditation ist nicht nur Sitzen auf dem Meditationskissen. Meditation ist im Wesentlichen jede Begegnung mit sich selbst. Diese Begegnung kann in der Natur geschehen, beim Gespräch mit einem Freund oder beim Klavierspielen.
Für manche sind Kochen, Musikhören und eben auch Schreiben eine Begegnung mit sich selbst. Ein Aspekt von Meditation ist, sich in Ruhe zu begeben und dabei etwas zu erkennen, was vorher nicht bewusst war. 

Sich selbst begegnen, was bedeutet das?
„Einmal am Tag aus dem Kopf rauszukommen, ist enorm wichtig, denn dadurch kommt man wieder zu Sinnen.“ Dieses Zitat des britischen Philosophen Alan Watts bringt es auf den Punkt. Wenn man nur im Kopf ist, ist man nicht ausreichend mit sich verbunden. Man spürt sein Herz, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle nicht. Man ist nicht mit allen Sinnen präsent. Man verliert sich im Kopf.
Alles, was nur im Kopf ist, ist verzerrt. Denn es fehlt die umfassende Verbindung mit dem ungeteilten Selbst und dem anderen. Orientierung geht verloren. Die Gedanken fangen an, sich im Kreis zu drehen. Das Denken findet kein Ende. Daher ist es wichtig, aus dem Kopf hinauszukommen. Das Wesen der Meditation ist die Zusammenführung von Gefühlen, sinnlicher Wahrnehmung und Verstand.


Schreiben, um zu sich zu kommen

Die Formulierung „zu sich kommen“ drückt sehr schön die Grunderfahrung von Meditation aus. Sich selbst sehen, erkennen, neugierig entdecken. Über Schreiben zu sich zu kommen heißt, sich Zeit zu nehmen, sich hinzusetzen und Fragen nachzugehen, die der Kopf alleine nicht beantworten kann, weil die Gedanken sich im Kreis drehen.Man fühlt sich wütend, weiß aber nicht, warum. Irgendetwas stimmt mit dem Job nicht. Aber Genaueres ist einem selbst zunächst nicht erkennbar. Angst vor dem nächsten Tag steigt auf. Man weiß aber nicht, warum.
Wer seine Gedanken zu diesen Fragen zu Papier bringt, begegnet sich selbst und schafft gleichzeitig ein Gegenüber. Das, was man da geschrieben hat, kann man sich von außen anschauen und erhält eine neue Perspektive. Der Prozess des Schreibens bringt unbewusste  Zusammenhänge ins Bewusstsein. Er führt auf einem anderen Weg zu Erkenntnis als die klassische Meditation. Jedes Mal, wenn man etwas schreibt, kann man etwas Neues über sich lernen. Das Geschriebene wird so zu einem Spiegel, der dabei hilft, sich selbst kennenzulernen.


Ehrlichkeit ist die Basis jeder Beziehung

Im Schreiben kann man sich ganz öffnen und dem Papier die geheimsten Gedanken anvertrauen. Das Papier wird zu einem Gegenüber, wie ein guter Freund. Achtsames Schreiben beinhaltet immer die drei Perspektiven des Selbst: Was fühle ich in Bezug auf eine Sache?
Was nehme ich in meinem Körper wahr? Und was sind meine Gedanken? Wenn alle drei Wahrnehmungssysteme beteiligt sind, wird Schreiben zur Meditation und Selbsterfahrung. Die Verbindung von Körper, Verstand und Herz führt zu ganzheitlichen Erfahrungen und Entscheidungen. Körper und Herz stehen dabei für das Bauchgefühl, zu dem die Verbindung verloren geht, wenn man nur im Kopf ist. Nehme ich in meinemKörper Anspannung wahr, dann ist das immer ein Hinweis auf Angst. Bei starker Anspannung kann ich also ganz bewusst nachforschen, womit genau die Anspannung zu tun hat. Dieser Fokus bringt in der Regel sehr viel Selbsterkenntnis.

Schreibmeditation


Schreibmeditation 1:

Diese Übung stellt Fragen, deren Beantwortung zu einem vertieften Verständnis des eigenen Mindsets führen. Suche dir ein oder mehrere Fragen aus, setz dich hin, nimm
dir Zeit und schreibe einfach drauflos. Was ist mir wichtig im Leben? Was nährt mich? Was macht mir Freude? Wovor habe ich Angst? Wofür bin ich dankbar?
Wer waren und sind für mich die wichtigsten Menschen in meinem Leben? Wer war ich in meiner Pubertät, und wie habe ich mir mein Leben vorgestellt? Was würde ich in meinem Leben gern ändern? Was macht mich unglücklich? Welche Erlebnisse haben mein Leben verändert? Lies dir das Geschriebene mit Abstand von ein, zwei
Tagen noch einmal durch oder lasse es dir von deinem Partner, deiner Partnerin, einem guten Freund oder einer guten Freundin vorlesen. Daraus entsteht eine weitere Vertiefung, daraus Selbsterkenntnis und Bewusstheit, daraus oft Veränderung.



Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 117: „Meditation"

UW117 Cover


Schreibmeditation 2:

In der zweiten Schreibübung kannst du dich denselben Fragen widmen. Sie hat einfach eine andere Form. Diese Übung nennt sich „automatisches Schreiben“. Die Idee des automatischen Schreibens ist, zehn oder fünfzehn Minuten zu einem Thema in einem durchzuschreiben, ohne den Stift abzusetzen. Auch wenn dir gerade nichts einfällt. Dann schreibe einfach, dass dir nichts einfällt. Beim automatischen Schreiben verliert unser Gehirn einige Kontrollfunktionen. Das heißt, es tauchen Dinge auf, die tiefer im Unbewussten sitzen. Bei der anschließenden Betrachtung des automatisch geschriebenen Textes achte auf sich wiederholende Begriffe. Sie haben Bedeutung. Ihnen kannst du weiter nachgehen.


Bilder © Unsplash

Dirk Meints

Dirk Meints

Wie funktioniert die Psyche des Menschen? Warum sind wir wie wir sind? Wie ist Veränderung möglich? Das sind meine ganz persönlichen Lebensfragen, denen ich schon immer auf der Spur bin. Heute arbeite ich als Achtsamkeitslehrer und Psychologischer Berater in Wien. Für die Klärung mein...
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