Achtsamkeit & Meditation

Der Einsatz von Drogen zur Bewusstseinserweiterung ist im Buddhismus äußerst umstritten – Einblicke in eine kontrovers geführte Diskussion.

Immer wieder tauchen im Laufe der Zeit neue Begriffe und Strömungen auf. Jüngst in Diskussion gekommen ist der „psychedelische Buddhismus“. Dabei handelt es sich um eine religiöse Praxis, die den Einsatz von Drogen zur Bewusstseinserweiterung einschließt. Innerhalb der etablierten buddhistischen Szene ist diese Bewegung hoch umstritten. Während die einen mit erhobenem Zeigefinger auf das „fünfte Dharma-Gebot“ verweisen, das besagt, dass man keine berauschenden Mittel wie Alkohol oder Drogen nehmen soll, damit Geist und Verstand klar sind, plädieren die Befürworter für die vielfältigen Wege des Erwachens. Sie verweisen unter anderem auf den erfolgreichen jahrtausendealten religiös-rituellen Gebrauch solcher Substanzen in indigenen Kulturen. Zudem handele es sich um keine den Geist verwirrende Stoffe, sondern ihn öffnende „Sakramente“.

Tatsächlich haben sich spirituell Suchende neben den traditionellen Formen der Meditation und der Konzentration stets auch Praktiken wie Schlafentzug und sensorischer Deprivation, des Fastens oder des Klangs rhythmischer Trommelschläge bedient, um in andere Bewusstseinszustände einzutreten. Dazu gehört auch die Einnahme bestimmter Pilze und Pflanzen beziehungsweise der aus ihnen gewonnenen Stoffe. Der Gebrauch von psychedelischen Substanzen ist in den verschiedenen Religionen tief verwurzelt, so im Göttertrank der Veden oder im rituellen Gebrauch des Peyotl-Kaktus. Der britische Linguist John M. Allegro sieht gar im „Rauschgift“ den Ursprung aller Religionen. In einigen spirituellen Traditionen ist die Einnahme solcher Substanzen durch Heiler und Heilerinnen oder im Rahmen religiöser Rituale ein Mittel, um zu tieferen Einsichten zu gelangen, zu heilen und den Lebensalltag neu zu strukturieren. Timothy Leary, Richard Alpert (Ram Dass) und Ralph Metzner, alle drei Wissenschaftler an der Harvard-University, waren die Ersten, die die durch LSD ausgelösten Bewusstseinszustände mit denen des Ich-Verlusts in Verbindung brachten, so wie sie beispielsweise im Tibetischen Totenbuch beschrieben werden.

Drogen im Buddhismus
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch Buddha mit anderen Übenden in den indischen Wäldern mit solchen Stoffen in Berührung gekommen ist und sie auch selbst zu sich genommen hat. Mike Crowley beleuchtet in seinem Buch „Secret Drugs of Buddhism – Psychedelic sacrements and the origins of the Vajrayana“ die Thematik aus einer historischen Perspektive. Der Anhänger der Karma-Kargy-Linie des tibetischen Buddhismus versucht, anhand der Symbolik und Bildsprache des tantrischen Buddhismus zu belegen, dass die Ursprünge des Vajrayana auf den Gebrauch von bewusstseinsverändernden Pilzen und Pflanzen zurückgehen. So sei der bis heute bei Initiationen gereichte Amrita ursprünglich eine psychoaktive Zubereitung gewesen. Zeichnungen buddhistischer Gottheiten mit Schirmen in der Hand deutet Crowley als geheime Pilzsymbole. In seiner roten Hutfarbe sieht er den Ursprung des leuchtenden Rots des Buddha Amitābha, während er alles Blaue in der Ikonografie auf psychoaktive Dungpilze zurückführt. Überzeugende Beweise liefert er jedoch nicht. Sollten allerdings weitere Befunde seine These erhärten, müsste die Geschichte des Vajrayana-Buddhismus tatsächlich völlig neu geschrieben werden.

Es gibt außerdem empirische Forschungen zur „Erleuchtungswirksamkeit“ psychedelischer Substanzen. So hat der Amerikaner Douglas Osto vor fünf Jahren eine Interviewreihe durchgeführt, um die Chancen und Gefahren psychedelischer Substanzen wie Psilocybin, Meskalin, LSD oder DMT im Rahmen der buddhistischen Praxis zu erforschen. Die Ergebnisse sind in seinem Buch „Altered States. Buddhism and Psychedelic Spirituality in America“ dokumentiert.

Alle diese Stoffe, so das Ergebnis, ermöglichten bei entsprechender Motivation und wenn Set und Setting stimmen, eine Auflösung der Ego-Grenzen und damit neue Qualitäten in der Erfahrung des Augenblicks. Osto stellt auch Fallbeispiele bekannter US-Buddhisten vor, bei denen erst psychedelische Erfahrungen ihr Interesse an östlichen Religionen entfachten. Sein Werk ist kein naives Plädoyer für den Gebrauch von Psychedelika, vielmehr beleuchtet er ausdrücklich die Risiken und Nebenwirkungen, wie beispielsweise die Unkontrollierbarkeit der ablaufenden Prozesse oder das Entstehen von Anhaftung und Abhängigkeit.

Ambivalente Erfahrungen
Der Psychiater Rick Strassman hat zu Beginn des Jahrhunderts eine empirische Studie zum Gebrauch von DMT in Verbindung mit einer buddhistischen Praxis durchgeführt und die Ergebnisse in einem Buch „DMT – Das Molekül des Bewusstseins“ veröffentlicht. Es zeigte sich, dass unter Einfluss der Substanz die buddhistische Meditionserfahrung für die Bereitschaft, sich zu lösen und loszulassen, sehr hilfreich war. Je mehr Strassman jedoch mit seinen Versuchen fortfuhr, umso beängstigender wurde, was er und seine Probanden durchlebten. Sie berichteten von Begegnungen mit dämonischen Mächten, Entführung durch Außerirdische und Bedrohung durch maschinenähnliche Entitäten.

Als eine Versuchsperson während eines Versuchs gefährliche Herz- und Kreislauf-Reaktionen bekam und in einem anderen Fall Familienangehörige einer Probandin Strassman für deren wochenlange Depressionen verantwortlich machten, überkamen Strassmann erste Zweifel. Hinzu kam Kritik von der eigenen buddhistischen Gemeinschaft. Seine Zen-Gruppe forderte das sofortige Ende seiner Versuche. Strassmann rechtfertigte sich, belegte durch Protokolle, dass trotz der Heftigkeit und des angstauslösenden Potenzials der oft nur wenige Minuten dauernden DMT-Erfahrung die meisten Versuchspersonen später angaben, keinerlei bleibende Schäden davongetragen zu haben. Im Gegenteil, diese Erfahrungen hätten sie bereichert, ihnen unendlich viel über sich selbst und die Geheimnisse des Kosmos gelehrt und positive Verhaltensänderungen ausgelöst. In keinem Fall sei es zu einer Sucht oder Abhängigkeit gekommen. Trotzdem stellte er die Versuche schließlich ein. Heftig diskutiert wird Strassmans Hypothese über die Existenz „paralleler Welten“, vor allem die Verbindung zu den sechs Daseinsbereichen der buddhistischen Lehre, zu denen DMT einen Zugang verschaffen würde.

Die kontrollierte Nutzung psychedelischer Substanzen im Rahmen einer buddhistischen, spirituellen oder meditativen Praxis löst seitdem Kontroversen aus. Strassmann bleibt dabei und empfiehlt den gelegentlichen Gebrauch von DMT für Übende mit ausgedehnter Meditationspraxis, die dabei jedoch keinen Erfolg spüren. Der Wirkstoff soll einen chemischen Freudenvorschuss auslösen, als Ankündigung dessen, was durch die Meditation potenziell erreichbar ist. Auch Hans-Hinrich Taeger meint in seinem Buch „Spiritualität und Drogen“, dass psychedelische Erlebnisse eine Art von „Vorvertrauen“ schaffen. Sie seien daher gut geeignet für Skeptiker, die einem religiösen Führer nicht so einfach zu folgen gewillt sind und vielleicht bevorzugen, den Weg der „mystischen Öffnung“ als „Do-it-yourself-Guru“ zu beschreiten.

Buddhismus
Inneren Guru wecken
Nach Auffassung der Anhänger des psychedelischen Buddhismus bilden diese „Sakramente“ das physische Rohmaterial für die Gewinnung von Weisheit. Das Thema ist sehr vielschichtig, denn es gab auch Menschen, die auf psychiatrischen Stationen behandelt werden mussten und bleibende Schäden davontrugen. Daher gibt es radikale Gegner, aber immer noch auch Befürworter. Letztere argumentieren, dass auch der klassische Tantra-Buddhismus „Nebenwirkungen“ haben kann. Auch dort gäbe es Praktiken von Gurus, die Übende in psychisch bedenkliche Situationen bringen und Einweisungen in Psychiatrien nach sich ziehen. Im psychedelischen Buddhismus tritt an die Stelle der Macht des äußeren die Stimme des inneren Lehrers. Selbstvertrauen soll so an die Stelle des Fremdvertrauens in einen religiösen Führer treten. Doch auch solche Erfahrungen können trügerisch sein.

Die Diskussion über den Gebrauch von psychedelischen Drogen wird weiter geführt werden. Eine singuläre religiöse Erfahrung schafft kein religiöses Leben. Entscheidend für transzendente Erfahrungen sind die täglichen Übungen. Die Wucht pharmakologisch induzierter spiritueller Erfahrungen im Dauergebrauch führt nicht zuletzt auch zur Abstumpfung, sodass für echte Meditationserfahrungen dann die Sensibilität fehlen könnte. Nicht selten mangelt es Übenden an der Integration in die Zähigkeit des Alltagslebens und der Entfaltung einer ethischen Lebenspraxis. Vor allem: Solche Substanzen sind nicht zuletzt illegal und strafbar und damit ein Riesenproblem.

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