Achtsamkeit & Meditation

Unbewusste Gedanken und Gefühle laufen automatisch und bestimmen Handlungen. Über die „Bedingte Entstehung“ und wie man in sie eingreifen kann.

Vorabdruck des vierten Bandes „Buddhas Weg in die Freiheit“ aus der Serie „Möge die Übung gelingen“ von Peter Riedl.

Buddha sagt, er habe nur zwei Dinge gelehrt, die Ursache des Leidens und die Lösung vom Leiden. Der antike buddhistische Ausdruck des Leides kann insofern missverstanden werden, als der Begriff heute anders verwendet wird. Wir empfinden die Diagnose Krebs oder Unfälle als Leiden. Buddha bezeichnet alle Gemütszustände als leidvoll, die nicht gelassen, liebevoll, mitfreudig und gleichmütig sind, also genau genommen unser halbes Leben. Wenn man das buddhistische Heilsziel positiv formulieren wollte, könnte man es als einen Zustand definieren, in dem es einem selbst und anderen immer gut geht. Wenn es einem gut geht, leidet man nicht. Genau genommen geht es aber nicht darum, dass es einem immer gut geht, sondern dass man in allen Lebenslagen gleichmütig bleiben kann. Das sind zwar nur feine Unterschiede, aber sie haben Bedeutung. Wenn jemand große Probleme hat, ist es wohl kaum möglich, dass es dieser Person gut geht; gleichmütig zu bleiben, ist sehr wohl denkbar.

Nicht gut gehen kann es uns aus vielen Ursachen: Wenn wir krank sind, uns ein Partner verlassen hat, wir einen Unfall haben und vor allem durch die breite Palette der daraus resultierenden unangenehmen Emotionen und Gedanken, die sich als Stress, Wut, Verzweiflung, Sorgenmachen und Unsicherheit äußern können. Alle diese unheilsamen Reaktionen kommen aus uns und können daher alleine dort, also in uns selbst, gelöst werden. Das tun wir selten. Fast immer wollen wir die Ursachen unseres Leidens in der Welt ändern, anstatt diese in uns selbst zu suchen, zu erkennen und zu heilen.

Vieles ist uns nicht bewusst
Warum es trotz oft lebenslanger Bemühungen so schwerfällt, sich zu ändern, liegt in unserer mangelnden Bewusstheit. Eine der wichtigsten Belehrungen des Buddhas ist die Lehre von der „Bedingten Entstehung“ unserer Absichten, Gedanken, Gefühle und der daraus resultierenden Handlungen. Es gibt mit ihr zwei Schwierigkeiten. Die eine ist, dass sie kompliziert ausgedrückt wird, und die zweite liegt in ihr selbst: Die Lösung aller unserer Probleme liegt im Bewusstsein. Wir aber sind zu über neunzig Prozent unbewusst. Wie kann ich die Ursache einer Schwierigkeit entfernen, wenn ich diese nicht sehen kann?

Deshalb ist die Belehrung so wichtig. In ihr sind die Ursachen zu finden, warum wir destruktive Gedanken- und Emotionsmuster wiederholen, nicht aus unbefriedigenden Lebensmuster herausfinden, uns in Abhängigkeiten verlieren. Sie zeigt aber auch die Heilung auf. Das Erstaunliche an ihr ist die Tatsache, dass sie 2.500 Jahre alt ist, moderne Hirnforschungen aber zu denselben Ergebnissen kommen.

Schwer ist diese Belehrung nicht, weil sie schwer zu verstehen wäre, sondern weil uns die meisten unserer Gefühle und Gedanken nicht bewusst sind. Wir denken den ganzen lieben Tag – ähnlich einem Radio, das ununterbrochen spielt. Auch dem würden wir kaum zuhören, und der größere Teil der gesendeten Informationen entginge uns. Aus diesem Grund werden die Methoden des Geistestrainings gelehrt. Durch ihre Übung kann man bewusster und konzentrierter werden und dadurch in unheilsame Denk- und Handlungsstrukturen eingreifen.

Im Zeitfluss verborgen
In asiatischen Ländern ist die Lehre von der „Bedingten Entstehung“ sehr bekannt, und sie wird oft rezitiert. Sie wurde von einer Sprache in die andere übersetzt, interpretiert, widersprüchliche Ideen, Lehrmeinungen und Bilder haben sich eingeschlichen. Buddhas Belehrungen wurden nicht mehr als Anweisungen gesehen, nach denen gehandelt, sondern die geglaubt werden sollen. Stephen Batchelor, einer der wesentlichen Vertreter des säkularen Buddhismus, postuliert in „Buddhismus für Ungläubige“, auf diese Weise sei aus Buddhas Weisheiten eine Religion entstanden.

BuddhasDie „Bedingte Entstehung“ wird in einer zeitlichen Abfolge dargestellt. Sie beginnt in der Vergangenheit, aus der die Gegenwart entsteht, in der wir jetzt handeln und eingreifen können, und setzt sich in der Zukunft fort. Traditionell wird dieser Vorgang über drei Leben, die durch Geburt, Tod und Wiedergeburt verbunden sind, beschrieben. Doch damit geraten wir in den religiösen Buddhismus. Es macht wenig Sinn, eine Handlungsanweisung, die im gegenwärtigen Augenblick angewendet werden soll, mit der religiösen Vorstellung der Wiedergeburt zu verknüpfen. Die transzendenten Überzeugungen aller Religionen mit ihren Glaubensbekenntnissen sind gleich wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. Günstiger erscheint es, die „Bedingte Entstehung“ über die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Manifestationen des eigenen Denkens zu betrachten, also über unsere Handlungen und deren Auswirkungen. Dort kreieren wir unsere Probleme. Dort können wir sie beenden.

Drückt man die „Bedingte Entstehung“, die aus zwölf Gliedern besteht, in einer heutigen Sprache aus, könnte sie so klingen: Unwissenheit (1) hat in der Vergangenheit jene Glaubenssätze (2) entstehen lassen, die das gegenwärtige Bewusstsein (3) bedingen, das sich materiell und geistig (4) manifestiert. Durch die sechs Sinnesorgane (5) entstehen die Bewusstseinseindrücke (6) der Welt. Diese bedingen Gefühle (7), die zum Begehren (8) und zum Anhaften (9) führen. Dadurch kommt es zur Wiederholung gleicher Handlungen (10), die immer wieder entstehen (11) und vergehen (12).

Unwissen und Glaubenssätze
Das ist nicht leicht nachvollziehbar und bedarf einer Interpretation: Zum einen ist es die Unwissenheit. Denn am Anfang jeder leidvollen Handlung steht die Unwissenheit (1), die auch eine Form von Unbewusstheit sein kann. Das bedeutet, wir haben in der Vergangenheit nicht genügend Weisheit entwickelt, um so zu handeln, dass weder wir selbst noch andere dadurch leiden. Zum anderen geht es um Glaubensätze (2), in alten Texten wird hier der Begriff Karmaformationen verwendet. Das „Buddhistische Wörterbuch“ von Nyanaponika übersetzt sie mit Willensäußerungen. Glaubensätze könnte ein gängigerer deutscher Begriff sein. Sie sind in uns entstanden, als sich das Selbst beziehungsweise der Charakter und die Persönlichkeit gebildet haben. Diesen Formungsprozess, nämlich wie Säuglinge und Kleinkinder ihr Selbst durch Resonanz kreieren, beschreibt der Neurowissenschaftler Joachim Bauer in „Wie wir werden, wer wir sind.“

In der deutschen Sprache gibt es weder den Begriff Karmaformationen noch Karma, beide sind interessant. Karma geht weit über die Person und das Selbst hinaus und bezeichnet, was den Menschen ausmacht: die Summe seiner Absichten und seiner Taten und die Auswirkung der Summe seiner Absichten und Taten.

Karma und Bewusstwerdung
Mit dem Begriff ist viel Schindluder getrieben worden, auch in der buddhistischen Literatur. Es sei das schlechte Karma einer Person, wenn diese krank würde, öfter Unfälle verursache, auf den falschen Menschen hereinfiele. Natürlich ist das Karma das Ergebnis der Absichten und Taten, aber in einem anderen kausalen Zusammenhang. Nicht weil wer in einem sogenannten früheren Leben, das es in einer personalen Vorstellung im frühen Buddhismus gar nicht gibt, jemandem geschadet hat, kommt es zu diesen Ereignissen, sondern weil man in diesem Leben zu viel geraucht hat, zu unkonzentriert ist, zu unbewusst ist oder die eigenen Bedürfnisse nicht richtig einschätzt.

Karma ist die Summe all dessen, was mich ausmacht: mein Geburtsort, meine Eltern, Veranlagung, Erziehung, Fähigkeiten, Beruf, alles, was ich kann und nicht kann, meine Vorurteile, meine Lieben, Unlieben, somit auch meine Glaubenssätze, die mein gegenwärtiges Bewusstsein formen.

Und was ist Bewusstsein (3)? Es hat mit der eigenen Vergangenheit zu tun, mit dem, was jemand erlebt hat, warum jemand geworden ist und jetzt denkt und glaubt. Wieso wir Bewusstsein haben, woher es kommt und wohin es geht, weiß niemand. Wissenschaftler sagen, es sei an das Zentralnervensystem gebunden. Das sagt letztlich wenig. Priester spekulieren darüber. Das Bewusstsein manifestiert sich materiell und geistig (4) in dem, was man tut und denkt. Und es sind die sechs Sinnesorgane (5), mit denen man sieht, hört, fühlt, schmeckt, riecht und denkt, die Welt wahrnimmt.

Ich nehme sie jedoch nicht objektiv wahr, wie sie ist. Wie sie wirklich aussieht und sich anfühlt, weiß niemand, auch nicht jene Quantenphysiker, die die kleinsten Bausteine der Materie erforschen. Es sind mein Selbst und mein Bewusstsein, in der Negation meine Unbewusstheit, durch die ich die Bewusstseinseindrücke (6) meiner Welt erschaffe. Durch sie gebe ich den Dingen eine bestimmte Bedeutung – einer Frau, einer politischen Partei, einem Boxkampf, einer Staatsgrenze, einem Beruf, mir selbst und allen anderen Menschen. Buddhistisch wird das mit der Leerheit aller Phänomene beschrieben. Den Bezug vom Buddhistischen Begriff der Leerheit zum Neurobiologischen Konstruktivismus stellt der Deutsche Soziologe Werner Vogd in „Welten ohne Grund“ dar.

Die Macht der Gefühle
Ab jetzt kommen die spannendsten und wichtigsten Abschnitte dieser Lehre. Der Bewusstseinseindruck des Gesehenen, des Gehörten bedingt ein Gefühl (7) in mir. Der deutsche Neurowissenschaftler Ulrich Ott beschreibt in „Meditation für Skeptiker“ diesen automatisch ablaufenden Prozess. Durch die Ausschüttung bestimmter biochemischer Substanzen und Hormone werden bestimmte Hirn- und Nervenregionen aktiviert. Es kommt zu einer Palette von geistig-körperlichen Reaktionen, zu Stress, Wut, Trauer, Freude und Liebe. Allen gemeinsam ist, dass sie als angenehm oder unangenehm erlebt werden.

Das Gefühl bedingt das Begehren (8). Es kann sich positiv als Etwas-Haben-Wollen, negativ als Ablehnung oder indifferent äußern. Es kann sich als Gedanke oder als Handlung zeigen. Alle Reaktionen führen, je nachdem, ob sie positiv oder negativ erlebt wurden, dazu, etwas wiederhaben oder auf keinen Fall haben zu wollen. Dieses Wollen bedingt das Anhaften (9) ...

... und Wiederholungen (10). Je nach den Erfahrungen, die wir mit Ereignissen oder Personen gemacht haben, wollen wir diese wieder oder ganz sicher nicht wiederhaben. Je unbewusster wir sind, desto ausgeprägter ist dieser Mechanismus, der auch als Daseinsprozess oder Samsara bezeichnet wird. Er bezeichnet ein Leben, das wir immer wieder als leidvoll erfahren. Diese Handlungsabläufe entstehen (11) und vergehen (12) – immer wieder. Traditionell wird das mit dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt beschrieben.

Wählen können
Das Auffallendste an dieser Beschreibung des Ablaufes einer Handlung von der ersten Wahrnehmung bis zur Reaktion ist ihre Bedingtheit, also ihre gegenseitige Abhängigkeit im Entstehen und Vergehen. Im Klartext bedeutet das, dass eine bestimmte Person mit einem bestimmten Bewusstsein in ihrem Handlungsspielraum keine Wahlfreiheit besitzt, und genau das ist die Erfahrung, die wir täglich machen können. Es hängt nicht vom Gesehenen ab, ob im Betrachter aufgrund des Wahrgenommenen Ekel, Wut, Eifersucht, Freude oder Liebe entsteht, sondern vom Bewusstsein des Betrachters.

In den alten Texten wird der Vorgang des Sehens nicht in der Form beschrieben, dass der Betrachter eine Blume sieht, sondern dass durch das Zusammenkommen eines Sehobjektes, etwa einer Blume, und des Sehorgans, des Auges, im Betrachter Sehbewusstsein entsteht. Das ist eine interessante Ausdrucksweise. Wir wissen zwar, dass das Abbild einer Blume, die wir sehen, nicht dem entspricht, wie die Blume in der Realität aussieht, aber wir denken selten darüber nach. Wir gehen davon aus, dass die Blume für alle Wesen gleich aussieht. Für unterschiedliche Tiere mit unterschiedlichen Sehorganen ist das mit Sicherheit nicht der Fall. Ob alle Menschen, die eine Blume sehen, diese identisch wahrnehmen, ist unklar, aber ziemlich sicher tun sie das nicht. Wir haben ja weder dieselben Augen, noch dürften wir ein gleiches Bewusstsein haben. Jeder sieht die Blume anders. Wie sie wirklich aussieht, weiß niemand. Wir wissen nicht einmal, ob es die Blume ohne den Betrachter wirklich gibt. Das alles sind Gedankenspiele.

Buddhas


In der buddhistischen Übung geht es um etwas anderes, um die Überwindung des Leidens. In uns entstehen, existieren und vergehen ununterbrochen körperliche und geistige Vorgänge. Stress, Trauer, Heiterkeit, Weinen, Lachen und Wutausbrüche wechseln sich ab; wir reagieren mit Worten und Taten auf das, was unsere Mitmenschen, Politiker, Ehepartner, Kinder, Vorgesetzte tun und sagen. Manches Mal sind uns unsere Reaktionen angenehm, manches Mal indifferent, und mehr oder weniger oft leiden wir unter ihnen.

Wenn wir sie nicht beeinflussen können, sind wir ihnen quasi ausgesetzt. Es kommt zur Wiederholung gleicher Reaktionen, denen wir kaum entrinnen können. Sie äußern sich als suchthaftes Verhalten, Ängste, schlechte Gewohnheiten, Sorgen und Schlaflosigkeit. Das ist unser Leben, so läuft es in Bedingungen, ist also unfrei. Die Lehre von der „Bedingten Entstehung“ muss man, ja, soll man nicht glauben. Wir können sie prüfen. Leben wir ein freies Leben, in dem wir uns bewusst für und gegen etwas entscheiden, oder eines, in dem uns die Dinge ständig nur passieren?

Tiernatur im Gehirn
Haben wir einen freien Willen? Ein Säugling schreit und weint bei Schmerzen und Hunger. Kann er auch nicht schreien? Wir haben eine Tiernatur, die Sigmund Freud das „Es“ nennt. Sie existiert das ganze Leben. Wir reagieren immer gleich auf gefährliche Situationen, sexuelle Reize und Mangel an Nahrung. Unsere Reaktionen können im Laufe des Lebens subtiler werden, aber wir reagieren den ganzen Tag. Entsprechend unserer Tiernatur tun wir das ganz automatisch. Wir versuchen, uns einer Gefahr zu entziehen und Hunger zu befriedigen.

Wir haben aber auch eine Menschennatur entwickelt, mit der wir denken und psychisch reagieren. Wie wir uns verhalten, auftreten und arbeiten, erfolgt nicht durch eine freie Entscheidung, sondern aufgrund der Situation. Der eine kann in bestimmten Umständen nicht grüßen, die andere glaubt, zu kurz zu kommen, der Dritte ist beleidigt, der Vierte ehrgeizig, fleißig, dumm oder großzügig. Aufgrund von Wahrnehmungen werden über biochemische Mechanismen bestimmte Hirnareale aktiviert. Wir wissen nicht, wie das geschieht. Das ist so, als ob ein kleines ein kleines Männchen, das wir nicht kennen, in unserem Kopf säße und dort auf Knöpfe drückte, die wir auch nicht kennen, über die sehr reale Stresshormone aktiviert werden, die eine Stressreaktion auslösen, die dann, ich möchte fast sagen, „erbarmungslos“ abläuft. Ein Eingreifen ist schwer möglich. Das gleiche gilt für alle anderen Reaktionen: Wut, Liebe, Verzweiflung, Großzügigkeit, Depression, Burnout und Manie.

Moderne Naturwissenschaften erforschen diese Regelprozesse. Es wurden Hirnareale gefunden, die für unser Fühlen zuständig sind, andere, in denen die sensorischen Eindrücke unserer Sinnesorgane verarbeitet werden, Areale, in denen die Angst entsteht, und es werden die vielen unterschiedlichen chemische Substanzen untersucht, die unsere Reaktionen steuern. Soll eine Erregung stattfinden, weil Gefahr droht, braucht es Adrenalin und andere Wirkstoffe, die bestimmte Nervenkreisläufe aktivieren, wir geraten in Stress, der Blutdruck steigt, Schweiß bricht aus, und wir fühlen, denken und handeln in einer bestimmten Art und Weise, durch die wir der Gefahr entrinnen können.

Gegen den Automatismus
Wir alle kennen diese Stressmechanismen, sie sind uns nicht immer bewusst, und wir können sie nicht oder nur schwer beeinflussen. Ist die Situation eine andere und scheint es scheint, dass wir uns liebevoll an jemanden anschmiegen, braucht es andere Hirn- und Nervenbahnen, die durch andere Hormone stimuliert werden. Plakativ ausgedrückt: Wir verhalten uns anders, wenn es brennt, als wenn wir mit jemandem, den wir mögen, im Bett liegen und kuscheln. Das scheint uns völlig klar und selbstverständlich. Doch wer verhält sich? Sind das wir? Haben wir die Wahl, uns im Falle des Feuers so zu verhalten, als ob wir lieben, und in der Liebe so, als wären wir in Lebensgefahr? Wir wissen, dass wir durch biochemische Reaktionen gesteuert sind, doch nicht, wie man diese steuert. Wir wissen, dass da im Kopf, bildlich gesprochen, jemand sitzt, der auf Knöpfe drückt und der all diese Mechanismen in Gang setzt, die uns steuern, aber nicht, wer das ist und wo die Knöpfe sind.

Den Prozess kann man wissenschaftlich betrachten, und dann kommt man zu einem ähnlichen Ergebnis: Der Säugling und das Kleinkind entwickeln das Selbst durch Resonanz, durch Spiegelung und Nachahmung. Es kommt zur Ausbildung des Charakters und der Persönlichkeit. Diese bilden die Grundlage, wie wir denken und handeln.

Wir erkennen die Welt durch die Sinnesorgane. Durch unser Bewusstsein erzeugen wir „unsere“ Welt, wie das im neurobiologischen Konstruktivismus beschrieben wird. Die Wahrnehmung und das dadurch bedingte Bewusstsein aktivieren bestimmte Hirn- und Nervenregionen durch biochemische Prozesse. Bis zu diesem Punkt erfolgt der Prozess in einer Form von Automatismus, als unwillkürliche, aus sich selbst gesteuerte Abläufe von Lebensvorgängen. Die Aktivierung neuraler Systeme bedingt die basalen Gefühle von „angenehm“ und „unangenehm“ und komplexe Emotionen wie Zorn, Angst und Liebe.
Es kommt zu Denk- Handlungs- und Reaktionsmustern, die einem bewusst oder unbewusst sein können. Sind sie unbewusst, bedingt das unfreies Handeln, sind sie bewusst, ist freies Handeln möglich.

Grundprinzip erfassen
In der „Bedingten Entstehung“ des Buddhas und in der naturwissenschaftlichen Erklärung der Emotionen und der daraus bedingten Handlungen finden wir dasselbe Prinzip. Aufgrund der Wahrnehmung eines Ereignisses im Außen, eines Autounfalls, des Anblicks einer reizvollen Person, kommt es zur Erregung bestimmer Hirnareale mit bestimmten Emotionen, die zu bestimmten Reaktionen führen: zum Sich-Ärgern, zum Rauchen, Sich- minderwertig-Fühlen, also zur ganzen Palette des Menschseins.

Diese Reaktionen erfolgen automatisch und sind zweifach bedingt, erstens: durch das Ereignis, das ich nicht beeinflussen kann, und zweitens: durch mein Bewusstsein, also mein Sein, meine Persönlichkeit, meinen Charakter.

Erkenne ich in meinen Reaktionsmustern, dass sowohl ich als auch andere unter ihnen leiden, gibt es zwei Möglichkeiten, sie zu ändern: erstens: alte Emotions- und Handlungsmuster – das ist die alte Schiene – im Augenblick des Entstehens bemerken oder: sich bewusst bemühen, anders als in der Vergangenheit zu handeln – das wäre dann die neue Schiene. Dafür dient buddhistisches Geistestraining: Konzentration (die man in der Meditation übt), Innenschau (Übung der Achtsamkeit), wertfreie Untersuchung der eigenen Lebensgewohnheiten und Anstrengung. Irgendwann wird dieses Bemühen leicht und mühelos.

Es geht also um die Entwicklung eines neuen Bewusstseins. Hat man das so sehr verwirklicht, dass man auf alle Ereignisse immer und ausschließlich gleichmütig, liebevoll, mitfreudig und mitfühlend reagiert, wird diese Person im Buddhismus als neuer männlicher oder weiblicher Buddha bezeichnet. Die beiden Wege, Änderung alter Emotions- und Handlungsmuster und Entwicklung eines neuen Bewusstseins, werden in der nächsten Ausgabe von Ursache\Wirkung beschrieben.

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