Achtsamkeit & Meditation

Satipatthana ist die grundlegende Rede des Buddhas und die Quelle zu einem rechten Verständnis der Achtsamkeit. Ein Überblick, Teil 2.

Der Ursprung aller Übungen der Achtsamkeit ist die Rede Satipatthana, die Anwendung der Achtsamkeit, die in folgende vier Gebiete klar gegliedert ist: der Körper, die Gefühle, der Geist und die geistigen Gesetze. Die Arbeit auf diesen Gebieten dient der Klärung unseres Geistes und dem geistigen Erwachen. Im ersten Teil, erschienen in der U\W111, wurde gezeigt, wie man mit dem Atem, dem Körper und den Gefühlen arbeiten soll.

Wie kann man nun mit dem dritten Gebiet, dem Geist, üben? Wie kann sich der Geist seiner selbst bewusst werden? Dazu braucht man Achtsamkeit, denn diese wirkt wie ein Spiegel, in dem sich der Geist sehen kann. Das bedarf allerdings einer starken und geschulten Achtsamkeit. Deswegen beginnt die Rede auch mit Achtsamkeit für Atem und Körper, denn diese sind leichter auszuführen. Die Achtsamkeit für den Geist besteht nun darin, den jeweiligen Ausdruck des Geistes wahrzunehmen, es geht also um Bewusstheit oder Wissen. Im Satipatthana heißt es: „Hier erkennt er (der/die Übende) einen Geist voller Begierde … und einen Geist ohne Begierde ...“ Was Geist ist, wird hier nicht gesagt, man achtet nur darauf, wodurch sich dieser Geist ausdrückt und damit erfahrbar wird.

Man merkt, wovon der Geist bestimmt wird, wie gerade die Stimmung oder der Geisteszustand ist. Es geht darum, die Fähigkeit zu schulen, nach innen zu schauen und zu wissen, was in einem vorgeht, was gedacht und gefühlt wird, was einen antreibt und wie man davon bestimmt wird. Die geistigen Bewegungen sieht man wie einen Film, der allerdings selbst gestaltet werden kann, oder wie einen Traum, der als Realität wahrgenommen wird, den man jedoch als Traum erkennt und daher nach Wunsch verändern oder sogar daraus aufwachen kann. Um eine Idee zu geben, wie der Geist gefärbt sein kann, nennt der Buddha acht Eigenschaften, die entweder vorhanden oder nicht vorhanden sind. Der Geist ist: begehrlich – ohne Begehren, ärgerlich – nicht ärgerlich, unwissend – verstehend, ausgerichtet – zerstreut, weit – eng, schwach – stark, gesammelt – unkonzentriert, befreit – unfrei.

Achtsamkeit wirkt wie ein Spiegel, in dem sich der Geist sehen kann.

Wie kann nun die Übung aussehen? Wenn man morgens aufsteht, dann hält man einen Moment inne und fragt sich, was gerade in einem vorgeht, wie man sich fühlt. Vielleicht ist es noch dunkel, man wollte noch gar nicht aufstehen und merkt eine gewisse Unlust. Sich selbst bewusst werden, dass jetzt Unlust da ist. Vielleicht ist auch ein Begehren da, oder man ist schon sehr klar. Das Wissen darüber erscheint und ändert die Situation. Man ist nicht mehr so abhängig von den Umständen. Im Text wird nicht gesagt, dass man etwas ändern soll, doch es liegt auf der Hand, dass mit dem Erkennen der Wunsch auftaucht, als negativ erfahrene Umstände loszulassen. Der Buddha nennt als Beispiel eine Person, die immer recht schnell geht, dies eines Tages erkennt und daraufhin beschließt, nun langsamer zu gehen und schließlich ganz stehenzubleiben. Das ist die positive Folge von Bewusstheit. Es ist im Grunde sehr einfach, doch zugleich genial, denn so wird einem die Wirkung des Geistes bewusst und man verbindet sich mit der größten Kraftquelle unseres Seins: Eine Annäherung an das dem Geist zugrunde liegenden universellen Bewusstsein findet statt.

Achtsamkeit


Das vierte und letzte Gebiet nenne ich die geistigen Gesetze (Geistobjekte, Wahrheiten). Es ist sehr komplex, weil es wiederum fünf sehr verschiedene Übungsgebiete umfasst. Es ist eine Sammlung von weiteren Bereichen, die Achtsamkeit verdienen. Die ersten drei sind Strukturen, die jeden Menschen kennzeichnen. Es ist, als ob der Buddha gesagt hätte: „Ich habe dir nun die drei großen Gebiete genannt, nämlich den Körper, die Gefühle und den Geist, nun nenne ich dir noch weitere interessante Übungen, vielleicht ist etwas für dich dabei.“ Man wird auf bestimmte Dinge aufmerksam gemacht, auf welche die Achtsamkeit gerichtet werden kann. Diese fünf sind: die Hindernisse, die menschlichen Faktoren, an denen angehaftet (Daseinsgruppen) wird, die sechs Sinne, die sieben Helfer auf dem Weg zum Erwachen, die vier edlen Wahrheiten.

Das Beobachten der Sinne führt zu mehr Unabhängigkeit von den ständigen Reizen der Welt und damit näher zur inneren Freiheit.

Für alle Meditierenden ist die Kenntnis der Hindernisse wichtig. Man sollte sich bewusst sein, was einem beim Meditieren ablenkt, was die Sammlung hindert, was das Vorhaben stört und die Einsicht vernebelt. Das kann Begehren sein, Ablehnung, Unruhe, Faulheit oder Zweifel. Sie sind nur dann Hindernisse, wenn einem ein Ziel beim Meditieren oder im Leben vorschwebt. Es ist befreiend, sie zu kennen, denn man weiß dann, dass sie nicht persönliche Schwächen, sondern in jedem Menschen zu finden sind. Nur wenn man sie kennt, können sie überwunden werden, oder besser gesagt, zu akzeptieren gelernt werden und dadurch ihre Energien in etwas Hilfreiches zu verwandeln. Dem gegenüber steht der vierte Bereich, nämlich die sieben Qualitäten. Es sind Helfer, die wir auf dem Weg zum geistigen Erwachen brauchen. Diese sind: Achtsamkeit, Interesse (Erforschen), Energie (Tatkraft), Freude (Begeisterung), Stille, Sammlung, Gleichmut (Gelassenheit). Sie sind schon in einem, und man sollte darauf vertrauen, dass sie gefunden werden, wenn man nach ihnen ausschaut und sie einlädt.

Die fünf Daseinsgruppen beschreiben die Elemente, aus denen jeder Mensch besteht. Es sind: der Körper, die Gefühle, die Wahrnehmung, der gestaltende Wille und das Bewusstsein. Diese Übung dient vor allem dem Erkennen, dass man sich mit diesen Gruppen identifiziert. Das schafft erst ein Bild von einer eigenständigen, getrennten und bleibenden Person. Diese Übung berührt einen Kern der ganzen Lehre, nämlich das Überwinden dieser falschen und Leid erzeugenden Sicht auf das Selbst.

Auch die achtsame Kontrolle der Sinne und der jeweiligen Reaktionen geht in eine ähnliche Richtung. Was immer man sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt und denkt, löst eine Reaktion in einem aus und formt so ein Bild von einem selbst oder von der Welt. Das Beobachten der Sinne führt zu mehr Unabhängigkeit von den ständigen Reizen der Welt und damit näher zur inneren Freiheit.

Darum geht es schließlich auch im letzten Bereich, den vier edlen Wahrheiten. Sie stehen am Anfang und am Ende des buddhistischen Weges. Wir sollen die Achtsamkeit auf Folgendes richten: Das Leiden in der Welt ist unvermeidbar, alles Leiden entsteht aus dem Begehren (der Buddha nennt es Durst), es gibt jedoch einen Ausweg, und der liegt in einer Vielfalt von geistigen Übungen, kurz zusammengefasst: Werde bewusst.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentare  
# Michele Vercellini 2021-05-06 15:09
Ein sehr interessanter Beitrag den sich zu verfolgen lohnt
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
Kommentar schreiben