Achtsamkeit & Meditation

Authentische und heilsame Kommunikation erleichtert den Alltag und reduziert die Missverständnisse – Eindrücke aus einem buddhistischen Kommunikationstraining in Rheinland-Pfalz.

Sich frei und spontan auszudrücken, ehrlich sagen, was man will und was man nicht will, und dabei gleichzeitig die Gefühle anderer nicht zu verletzen, erscheint manchmal wie eine Gratwanderung. Vor allem dann, wenn die Forderung nach Meinungsfreiheit, der Wunsch nach „politischer Correctness“, achtsame Kommunikation und ein „Ich-sage-es-wie mir-der-Schnabel-gewachsen-ist“ aufeinandertreffen. Heilsame Kommunikation, die gleichsam frei und authentisch ist, ist jedoch möglich und sollte sogar trainiert werden, weil Worte ein Herz berühren oder es auch brechen können.

„Oh Mann, wenn das so weitergeht, dann kann ich bald gar nichts mehr sagen“, entfährt es spontan Alex. „Ja, aber wenn du es so sagst, ist das nicht buddhistisch“, entgegnet Charly empört. Es ist der erste Tag unseres Kommunikationstrainings „Miteinander reden – miteinander schweigen“ im Waldhaus am Laacher See, einem buddhistischen Zentrum in Rheinland-Pfalz. Wir tauschen uns gerade darüber aus, was heilsame Kommunikation ist und wie man sie in der eigenen Familie, bei der Arbeit und auch im Internet kultivieren kann.

Regeln helfen
Alex und Charly heißen in Wirklichkeit anders, aber die Aussagen sind real und ihre Fragestellung allgegenwärtig: Wie kann ich mich frei heraus ausdrücken, ohne anderen Leid zuzufügen? In diesem meditativen Kommunikationstraining wollen wir mithilfe der buddhistischen Lehren und anhand von Modellen aus der Kommunikationspsychologie unsere Sprachgewohnheiten näher beleuchten und Wege entdecken, besser miteinander zu reden. Dafür hat sich die bunt zusammengewürfelte Gruppe für vier Tage in die Eifel zurückgezogen – meditiert, diskutiert und schweigt miteinander.

Eine gute erste Orientierung zur heilsamen Kommunikation findet sich in den buddhistischen Schriften in der vierten Sila, die lautet, keine Unwahrheit zu sprechen, oder der „rechten Rede“, der dritten Säule des achtfachen Pfades. Diese Hinweise können als Gebote oder Normen für die tägliche Praxis interpretiert werden. Doch Normen und Regeln reichen oft nicht aus, um die eigenen Kommunikationsgewohnheiten zu transformieren. Denn die reine Regeleinhaltung vernachlässigt die Dynamik des Geistes und den immer wiederkehrenden Wunsch, „einfach mal offen auszusprechen, was einen bewegt“.

Im nächsten Schritt des Kommunikationstrainings machen wir uns daher mit Modellen der Kommunikationspsychologie vertraut, die hilfreich erscheinen, sich ehrlich und konstruktiv mit anderen auszutauschen. Das Eisberg-Modell zeigt beispielsweise, wie stark Kommunikation von der weniger sichtbaren Ebene, geprägt von Bedürfnissen, Interpretationen und Interessen, beeinflusst wird. Das Modell der gewaltfreien Kommunikation bietet viele hilfreiche Ansätze, die eigenen Bedürfnisse auf eine heilsame Art und Weise zum Ausdruck zu bringen. Damit aber Modelle und Kommunikationstechniken nicht zu Tricks oder Manipulationstechniken verkommen, ist es entscheidend, die darunterliegende Haltung, den Herzgeist, der in der Interaktion seinen Ausdruck findet, zu reflektieren.

Kommunikation

Stimmungen transportieren
Jenseits von Normen und Techniken ist es entscheidend, zu spüren und zu schauen, was will man wirklich ausdrücken. In welcher Stimmung ist dabei das Herz und der Geist? Wenn man sich über einen Kollegen ärgert, sauer auf seine Freundin oder wütend über einen Internetpost ist, hat es wenig Sinn, die Gefühle und Anliegen wegzudrücken oder hinter wohlklingenden Worten zu verstecken. Hilfreicher erscheint es da, kurz innezuhalten, genau zu erforschen, in welcher Stimmung oder Färbung der Herzgeist gerade ist. Das ist nicht immer leicht, vor allem wenn die Emotionen bereits hochkochen, wenn das Ego besonders hart getroffen wurde oder wenn man schon eine lange, destruktive Vorgeschichte mit dem Gegenüber hat. Doch: Je häufiger man Geistessammlung und -betrachtung praktiziert, desto stärker wird diese Fähigkeit.

Ist der Herzgeist im Moment des Sprechens – und auch während des Zuhörens – von Interesse, Wohlwollen oder Mitfreude geprägt oder beherrschen einen gerade Ablehnung, Angst, Trauer oder Zorn? Die Praxis der Vier Brahma Viharas bietet eine wundervolle Möglichkeit, genau hinzuschauen, was sich hinter der Geistesfärbung verbirgt. Als Brahma Vihara – liebevoller Geist – gelten Wohlwollen, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut.

Kann man beispielsweise erkennen, wie verbunden man selbst mit dem „blöden“ Kollegen ist? Kann man entdecken, dass die eigenen Bedürfnisse und die der Freundin in diesem Moment auseinandergehen, beide aber ein Recht auf die jeweiligen Bedürfnisse haben? Kann man die Angst hinter einem furchtbaren Internetpost und die Ohnmacht darauf spüren? Wie reagiert das Ego, wenn einem das Gegenüber eine langweilige oder eine aufwühlende Geschichte erzählt?

Um in sanftem und gleichzeitig mutigem Kontakt mit unserem Herzgeist zu kommen, gehen wir während des Kommunikationstrainings immer wieder ins Schweigen, belauschen uns selbst. Wir üben uns darin, uns selbst und anderen achtsam und tief zuzuhören. Bemerken wir unsere Ungeduld, ist es eine gute Möglichkeit, uns in Gleichmut zu üben. Bemerken wir Neid auf die Erzählungen anderer, können wir uns in Mitfreude üben.

Gemeinsames Fühlen
Heilsame Kommunikation dient dazu, mit sich selbst und anderen in Kontakt zu kommen, im Dialog zu bleiben und gegenseitig das innewohnende Potenzial zu kultivieren. Dies sollte auch ein „Nein, ich möchte es nicht“ oder „Da sind wir unterschiedlicher Meinung“ beinhalten. Ein ehrliches „Ja“ und ein „Nein“, getragen von Mitgefühl und Wohlwollen für sich selbst und dem anderen gegenüber, ist tiefster Ausdruck authentischer und heilsamer Kommunikation.

Im Laufe der vier Trainingstage und in der vertrauensvollen Atmosphäre gelingt es immer besser zu erspüren, was wir in Wirklichkeit ausdrücken wollen. Dadurch kommen wir unserer Authentizität näher. Alex stellt beispielsweise fest: „Solange ich jemandem Vorwürfe machen kann, muss ich mich nicht damit beschäftigen, wie frustriert ich in Wahrheit bin. Eigentlich will ich doch nur, dass man mir hilft.“ Es erfordert Mut, sich seine eigenen Verletzungen, Bedürfnisse und Emotionen einzugestehen, und manchmal erfordert es noch mehr Mut, diese gegenüber anderen auszudrücken. „Warum hilfst Du mir nicht, du fauler Sack?!“ fällt manchmal leichter als „Bitte hilf mir, ich fühle mich überfordert“. Dabei ist die zweite Aussage ehrlicher und weniger verletzend als die erste. Wenn wir dabei getragen werden von dem Wohlwollen und Mitgefühl – in diesem Fall uns selbst gegenüber –, sind wir der heilsamen Kommunikation einen großen Schritt nähergekommen.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

 

 

 

Kommentar schreiben