Achtsamkeit & Meditation

Buddhismus kann in Klöstern oder im Alltagsstress gelebt werden – ein Plädoyer für den Laienstand.

Hört man Buddhismus, erscheinen vor dem geistigen Auge sogleich Meditierende. Sie sind in Rot oder Orange gekleidet, die Köpfe rasiert, Nonnen und Mönche. Buddhismus wird oft mit einer monastischen Lebensweise in Verbindung gebracht. Westlicher Buddhismus jedoch ist eine Laienbewegung. Dennoch gilt das Leben als Nonne oder Mönch als dem Laienstand überlegen. Das allerdings ist ungerechtfertigt.

In vielen Ländern Asiens, in denen Buddhismus Volksreligion ist, genießt der ordinierte Mönch einen besonderen Rang. Bereits in seinen Anfängen erscheint der Buddhismus auf den ersten Blick als eine monastische Bewegung. Buddha verließ seine junge Familie und streifte als Asket auf der Suche nach Auflösung menschlichen Leids durch Nordindien. Dem buddhistischen Gründungsmythos folgend, fand er nach Jahren der Wanderschaft meditierend unter einem Baum das Erwachen. Die ersten Menschen, die er an seinen Erkenntnissen teilhaben ließ, waren ebenso Asketen. Er kannte sie aus seiner vorherigen Pilgerschaft.

Es entstand ein Kollektiv, das man als eine monastische Gemeinschaft bezeichnen kann. Diese Asketen, in den klassischen Texten als „Bhikkhus“ bezeichnet, waren jedoch keine Mönche im abendländischen Sinne. Es handelte sich um frei umherwandernde Asketen, „Hauslose“. Sie waren nichts und niemandem verpflichtet, außer ihrem spirituellen Vorhaben. Gleichwohl entwickelte sich über Jahrhunderte daraus, soziologisch gesprochen, eine Klasse, die dem abendländischen Mönchsstand vergleichbar ist.

In Jeans oder Robe


Die Tradierung buddhistischer Lehre fand dann durch diese Gemeinschaften statt, die sich bald in Klöstern organisierten. Ein enormer Teil der überlieferten Texte aus dem Frühbuddhismus widmet sich den Regeln, nach denen Ordinierte ihr Leben zu organisieren haben – es geht um „Vinaya“, also um Disziplin. Laien sorgten für den Unterhalt der Nonnen und Mönche. Sie sind heute in asiatischen Theravada-Ländern (Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha) zu Versorgern der Ordinierten degradiert. Mit dieser Aufgabe sichern sich Laien eine günstige Wiedergeburt. Man hofft, die Möglichkeit zu erhalten, im nächsten Leben ebenfalls Mönch zu werden. Denn nur ein Mönch kann sich aus dem endlosen Kreislauf der Wiedergeburten befreien, so die Vorstellung. Es handelt sich im Grunde genommen um ein feudales Ständemodell. Ein solches herrschte auch in Tibet vor der Annexion der Chinesen und hat sich über die Jahrhunderte tief ins buddhistische Denken eingegraben.

Emotional gesehen, ist die Familie ein Minenfeld.

Der Begriff „Laie“ suggeriert, dass man jemand ist, der auf einem bestimmten Fachgebiet keine Kenntnisse besitzt. Nonne und Mönch sind von den Ablenkungen des profanen Lebens befreit und haben Gelegenheit, sich dem spirituellen Erwachen professionell zu widmen. Durch das Mahayana kommt noch das Bodhisattva-Ideal hinzu. Man kümmert sich nicht allein um das eigene Erwachen, sondern verpflichtet sich, auch für andere zu sorgen. Dies alles ist zeitaufwendig, sodass für Familienangelegenheiten kein Platz mehr ist.

Ich möchte an dieser Stelle das Leben als Nonne oder Mönch nicht herabwürdigen. Es hat seine eigenen Schwierigkeiten. Meinem Empfinden nach ist das Leben als Laie aber mindestens genauso als Übungspfad zum Erwachen geeignet – zeitweise sogar zu mehr.

Es gibt eine Anekdote, in der ein Schüler einem Zen-Meister mitteilt, dass er erleuchtet sei. Der Zen-Meister empfiehlt dem Schüler, seine Behauptung zu überprüfen, indem er eine Woche bei seiner Familie verbringt. Ein Aspekt des Erwachens ist nämlich der Gleichmut. In einer kontemplativen klösterlichen Umgebung Gleichmut zu bewahren, dürfte nicht aufreibend sein. Erschöpft von einem langen Tag mit drei lautstark streitenden Kindern und einem genervten Partner am Esstisch zu sitzen und dabei ein Hort des Gleichmuts zu sein, ist wahre Meisterschaft.

Der Familienkontext ist sicher die größte Herausforderung, der man sich stellen kann. Emotional gesehen, ist eine Familie ein Minenfeld. Niemand kommt einem so nah wie die Mitglieder der eigenen Familie. Meiner Frau gelingt es mit traumwandlerischer Leichtigkeit, mich aus der Ruhe zu bringen. Ich komme aus der Meditation, fühle pure Gelassenheit, und innerhalb von Sekunden kann alles dahin sein. Dann heißt es: einatmen, ausatmen, die Mitte wiederfinden. Meiner Frau geht es mit mir sicherlich nicht anders.

Frei von Verwirrung, Selbstvertrauen erlangen und unabhängig sein.

Aber es ist nicht nur das Beziehungsgeflecht zwischen den Beteiligten. Es sind die profanen Dinge des Lebens: zwischen Arbeit und Haushalt jonglieren, Rechnungen begleichen, Küche und Klo putzen, Windeln wechseln, die Erledigung der Schulaufgaben überwachen, Elternabende bewältigen, Dinge reparieren, die kaputt gehen, nicht vergessen, dem Partner die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Die Liste ist lang, und oft ist man gezwungen, trotz überwältigender Müdigkeit zu funktionieren. Das ist Krisenmanagement von früh bis spät. Das familiäre Bootcamp ist der klösterlichen Umgebung als Übungsfeld für unerschütterlichen Gleichmut weit überlegen.

Blicken wir noch einmal in der Geschichte zurück. Ist es tatsächlich eine frühbuddhistische Maxime, dass allein Ordinierte aus dem Samsara heraustreten, Erwachen erfahren können? Da heißt es in der sogenannten Mittleren Sammlung des Pali-Kanons: „Der Erhabene sagte dieses: ‚Es gibt nicht nur hundert oder zwei- oder drei- oder vier- oder fünfhundert, sondern weit mehr Laienanhänger, Schüler von mir, die sich weiß gekleidet sinnlicher Vergnügen erfreuen, die meine Anweisungen ausführen, meinem Rat folgen, den Zweifel hinter sich gelassen haben, von Verwirrung frei geworden sind, Selbstvertrauen erlangt haben und in der Lehre des Lehrers von anderen unabhängig geworden sind.‘“ (MN.II.73.10b.). Auch in frühester Zeit war es also der Normalfall, dass sich Laien spirituell entsprechend entwickeln.

Es ist am Ende wohl eher eine Frage des eignen Temperaments, ob man seinen Geist als Laie oder Ordinierter trainiert. Laien wird empfohlen, sich ein- bis zweimal im Jahr zu Retreats zurückzuziehen. Vielleicht sollte man es für Ordinierte zur Regel erklären, eine bestimmte Zeit im Jahr in Familien zu verbringen.

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Kommentare  
# Enrico Kosmus 2020-12-09 14:19
Als Ergänzung um Beitrag. In der Tradition des Vajrayana gab und gibt es eine große Zahl an tantrischen Haushältern - "Ngakpa/Ngakma" genannt. Herausragende Persönlichkeiten dieser Haushälterlinie der tibetischen Dharma-Tradition waren z.B. Padmasambhava, Yeshe Tsogyal, einige der Schüler Padmasambhavas, sowie Machig Labdrön, Gyalwa Rinchen Phüntshog (Drikung) und in jüngerer Zeit z.B. Chogyur Lingpa, Dudjom Lingpa, Dudjom Rinpoche, Dilgo Khyentse (Nyingma). Auch heute noch gibt es in den vielen Dörfern des tibetischen Hochlandes und des Himalaya "Dorf-Lamas", die mit Familie leben. Eine größer Gemeinde ist z.B. die der Rebkong Yogis.
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