Achtsamkeit & Meditation

Weit fahren, um bei einem berühmten Lehrer zu meditieren: Das machen viele. Warum auch Gehen ein Weg zur Erkenntnis sein kann.

Wenn Zen-Mönche früher zu ihrer spirituellen Suche aufbrachen, war das nicht nur mit dem Kopf. Um einen Lehrer zu finden, wanderten sie oft viele, viele Kilometer. Hui Neng (638–713) etwa, der später einer der größten Zen-Meister werden sollte, war noch sehr jung, als er einen Mann das Diamantsutra rezitieren hörte. Plötzlich öffnete sich sein Geist und klärte sich. Da fragte Hui Neng den Mann: „Woher kommt Ihr, dass Ihr dieses Sutra besitzt?“ Der Mann antwortete, er käme vom fünften Zen-Patriarchen Hungjen am Berg Feng-mu Shan. Da wusste Hui Neng, dass er zu Hungjen gehen muss. Er verabschiedete sich von seiner Mutter, regelte als guter Sohn alles, damit sie auch gut versorgt würde, und machte sich auf den Weg zu Hungjen: „In nicht mehr als zwanzig oder dreißig Tagen erreichte ich Feng-mu Shan und erwies dem Fünften Patriarchen meine Verehrung.“

Bis vor Kurzem habe ich diesem Passus keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Ich dachte höchstens: „Ja, genau, so mache ich es auch, ich suche einen guten Lehrer und besuche ein Retreat bei ihm.“ Der große Unterschied ist jedoch, dass Zen-Mönche und Schüler zu Fuß zu ihren Lehrern gegangen sind. Sie waren also viele Monate ihres Lebens auf der Suche nach einem Zen-Meister unterwegs, gingen von einem zum anderen, um sie herauszufordern und dabei selber zu reifen. Was passierte während der dreißig Tage, in denen Hui Neng zu seinem Lehrer unterwegs war und dabei 1.400 Kilometer zurücklegte? Sechzig Kilometer pro Tag: Das ist kein Spaziergang!

Heute ist es anders. Wer sagt: „Ich fahre zum Sesshin zum Felsentor“, meint: mit Auto, Bahn oder Flugzeug Richtung Luzern unterwegs sein. Ein ehrgeiziger Zen-Jünger erzählte mir einmal, er mache seine Ausbildung in Japan im Shogenji und sei sechsmal im Jahr dort. Er fliegt also zwölfmal zwischen zwei Kontinenten hin und her.

Das Gehen zähmt den Geist und versöhnt ihn mit dem Körper.

Fahren oder fliegen, um dann zu „sitzen“, ist heute normal. Man hört von einem Zen-Meister und beeilt sich, bei seinen Vorträgen und Sesshins dabei zu sein. Strecken wie Wien–Hamburg oder Bremen–Südfrankreich werden mühelos und sitzend im Flugzeug überwunden. Beugte man sich eben im Büro noch über Konzepte, ist man am nächsten Tag, bepackt mit seinem Meditationskissen, auf dem Weg in ferne, spirituelle Gefilde. Wenn ich es recht bedenke, ist das doch ziemlich verrückt.

Fliegen, um zu sitzen
Auch ich habe das viele Jahre so gemacht. Meistens bin ich mit der Bahn gefahren, oft auch mit dem Flugzeug geflogen. Vor der Abfahrt war ich im Stress. Um alles zu erledigen, arbeitete ich oft noch die halbe Nacht vor der Abreise durch, hetzte morgens zum Flughafen, in meinem Kopf noch die To-do-Liste für die Zeit danach. Eine Stunde später stieg ich 1.000 Kilometer von meinem Büro entfernt wieder aus, musste oft noch weitere Anschlüsse erwischen und kam schließlich in der fernen Meditationshalle ziemlich zerzaust an. Die Zeit ist für alle knapp, heute will man Erfahrungen am liebsten ruck, zuck machen.

Deshalb frage ich: „Bewirkt Gehen etwas anderes als Fahren?“ Jeder, der schon einmal auf einem Weitwanderweg unterwegs war, kennt das Gefühl. Man ist erst richtig „dort“ angekommen, wenn man sich einem Ort langsam und zu Fuß genähert hat. Der Weg unter den Füßen wird zum Wesentlichen, und das Ziel ist nur dazu da, die Richtung vorzugeben.
Von meinen Weitwanderungen weiß ich, dass es anfangs mühsam ist. Der Körper will nicht, die Füße schmerzen, der Rücken tut weh. Innere Widerstände belasten. Doch im Gehen werden die Sorgen kleiner. To-do-Listen und Konzepte verblassen im Sonnenlicht, Ängste um Vergangenheit und Zukunft werden vom Regen weggewaschen. Unsere Gedanken sind dort, wo der Fuß aufsetzt, dort, wo das Auge hinreicht. Der Geist fließt mit der Landschaft, die er durchschreitet. Mit jedem Kilometer wächst das Gefühl, lebendiger, neugieriger, offener zu sein.

Fliegen, um zu sitzenUnsui nannte man die Mönche in Ausbildung, die wie die Wolken (un) und das Wasser (sui) in Bewegung sind und an nichts haften. Das Gehen lehrt uns, mit der Bewegung zu fließen – wie Wolken und Wasser. Die Landschaft, in der wir uns bewegen, ändert sich. Das Wetter ändert sich, mal regnet es, mal scheint die Sonne. Unser Befinden ändert sich. Mal sind wir müde, mal sind wir energiegeladen. Das Gehen zähmt den Geist und versöhnt ihn mit dem Körper, und plötzlich bewegen sich beide in der gleichen Geschwindigkeit durch die Welt. Wer lange genug unterwegs ist, kann gar nicht anders, als sich diesem Geschehen hinzugeben. Wir haften nicht an, stecken nicht mehr in den Dringlichkeiten des Alltags fest und bewegen uns freier durchs Leben. Das Ziel ist nicht mehr auf der Landkarte, sondern im Gehen anzukommen – das wird das Ziel.

Heutige Wanderer haben es vergleichsweise bequem. Was den Mönchen im alten China auf dem Weg begegnete, war ungewiss. Es konnten wilde Tiere, feindselige Menschen oder Räuberhorden sein, zudem herrschte in manchen Landstrichen Krieg. Auch mussten sie mit schlechtem Wetter, mit Mücken, giftigen Schlangen und Dornengestrüpp fertig werden. Oft war es nicht einfach, etwas zu essen zu finden. Sie waren auf das angewiesen, was ihnen unterwegs angeboten wurde. Lud eine mildtätige Person zum Essen ein, war es ein Glück, wenn nicht, mussten sie hungern. Jeder Moment konnte Unerwartetes bringen, jeder Moment war eine Herausforderung. So war das Gehen für die Menschen damals eine Übung, wachsam zu bleiben, eine Zen-Tugend.

Heutzutage finden viele Menschen auf dem Jakobsweg Lösungen für ihre Probleme. Menschen, die im Alltag feststecken, die einen Partner verloren haben, oder auch solche, die an Erfindungen arbeiten, berichten, dass Gehen befreiend wirkt. Zen-Mönchen, die bereit waren, Zen zu lehren, wurde meist von ihren Lehrern geraten, zehn Jahre zu warten. Unterwegs zu sein, das Leben zu erfahren. Unterwegs zu sein im Gehen, war ein wichtiger Teil ihrer Reifung.

Was man daraus auch heute lernen kann? Es kommt nicht nur auf das Meditieren in den Zen-Hallen an, das Davor und Danach sind ebenso von Bedeutung. Wie wäre es, wenn wir von den Alten lernten und uns einer Meditationswoche behutsamer annäherten? Ich jedenfalls habe für mich den Entschluss gefasst, zum nächsten Zen-Sesshin zu Fuß zu gehen.

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