Achtsamkeit & Meditation

Die Kunst der Begegnung durch Bewegung und Tanz. Ein Workshop über Contact Improvisation und Tantra.

„Umarme das Unbekannte“, spricht uns der Seminarleiter vertrauensvoll zu, während sich mein ganzer Körper erhitzt wie von Bühnenscheinwerfern und Stroboskopen beleuchtet. Es ist kein professionelles Bühnenzubehör, das mich erwärmt, sondern der fokussierte Blick von elf Kursteilnehmenden. Fünf Minuten lang soll nur eine Person angeschaut werden. Seit einer gefühlten Ewigkeit starren sie mich an, während ich aussprechen soll, was ich, durch ihre Blicke ausgelöst, in mir wahrnehme: Hitze, einen Fluchtinstinkt, den Pickel unter meinem rechten Nasenflügel. „All eyes on me“, spielt es in Dauerschleife in meinem Kopf.

Was das mit Tantra zu tun hat? Das habe ich später verstanden. Es geht dabei um Verbindung. „Contact Improvisation und Tantra – Die Kunst der Beziehung“ lautet der Titel des Seminars. Sabine Sonnenschein, Tantra-Lehrerin und Tanzpädagogin, sowie Samuli Lehesaari, Tanzpädagoge und Psychotherapeut, organisieren ein Workshop-Wochenende in Wien. Wir sind eine Gruppe von zwölf Leuten, die alle aus unterschiedlichen Gründen hier sind. Doch eines ist allen gemein: der Wunsch der Verbindung – mit sich selbst und mit anderen. Denn der wahrhaftige Kontakt als eine Kunst, die man erlernt und erprobt, steht an den gemeinsamen zwei Tagen im Mittelpunkt des Workshops. 

Tanz
Es ist meine erste Begegnung mit Tantra. Auf meinem letzten Tanzseminar hat die Leiterin von einer tiefen Verbundenheit und dem Inbeziehungtreten gesprochen, da bin ich neugierig geworden. Für mich war Tantra bis zu diesem Tag irgendetwas Spirituelles, Östliches, etwas, das mit Sex zu tun hat. „Was ist, wenn ich einer Person nahe kommen muss, der ich nicht nahe kommen will? Muss ich mich nackig machen?“, schießt es mir zu Beginn des Workshops durch den Kopf. Guten Morgen, Klischeedenken! Ich wollte mich endlich eines Besseren belehren lassen und die Erfahrung menschlicher Beziehung und Intimität durch eine Kombination aus Bewegung, Tanz und Meditationspraktiken vertiefen. Ich wollte mit dem Unbekannten und mit seinen meist verborgenen Begleitern, Unsicherheit und Zweifel, in Kontakt kommen, sie überwinden.

Fünf Minuten lang soll nur eine Person angeschaut werden.

Es ist Samstagmorgen. Zerknautscht sitzen wir am Boden in einem Kreis, um den Tag gemeinsam zu starten: eine Begrüßung der zwei Workshop-Leitenden, einführende Worte, von jedem Teilnehmenden ein Adjektiv, das die aktuelle Stimmung der Person am besten beschreibt. „Zerstreut“ war eindeutig mein Wort-Wettbewerbssieger an diesem Morgen. Nach der verbalisierten Stimmungssammelstätte leitet Sabine durch eine Tandava-Meditation aus dem kaschmirischen Tantrismus. Wir sitzen am Boden, verteilt im Raum. Unsere Aufgabe ist es zunächst, einfach nur zu atmen und diesen ein- und ausströmenden Fluss wahrzunehmen. 

„Eine wesentliche Praxis im Tantra ist es, die sexuelle Energie über den Zentralkanal im Körper vom Becken und von den Genitalien nach oben in den Kopf zu atmen und zu ziehen und damit die sexuelle Energie für spirituelle Erfahrung und Befreiung zu nutzen“, erklärt Sabine. Es geht außerdem um die Stärkung der Sinneswahrnehmung, die wiederum davon abhängt, wie offen wir sind und wie viel wir uns erlauben, zu spüren. Sabine lädt uns ein, den Atem mit einer abwechselnd gestreckten und gebeugten Bewegung des Oberkörpers zu begleiten. Der Saal sieht aus wie eine Wiese auf- und eingehender Mohnblumen. Nach diesem Fokus auf uns selbst treten wir mit dem Raum in Kontakt und damit mit anderen.

Tanz
Sabine dreht laute Bassmusik auf. Die dumpfen Klänge irritieren meine zerstreuten und bockigen Lebensgeister und bringen sie widerwillig in Bewegung. Doch schon bald springe ich wie eine aufgeladene Batterie durch den Saal, schüttele, rüttele, drehe mich. Ich fühle mich ertappt dabei, vorher mental geraunzt zu haben. Ich muss lachen, weil mich solch eine Freude durchströmt. Mir ist gerade egal, was die anderen von mir denken, wie komisch mein Rumgehopse aussieht, was sich die Leute für Meinungen über meine walfischartigen Armbewegungen bilden konnten. Als ich mich im Raum umsehe, wird mir klar: Den anderen geht es genauso. Jeder bewegt sich, wie er will und ohne Sorge, verurteilt zu werden. Für eine außenstehende Person sieht die Szene wahrscheinlich aus wie ein Haufen wild tanzender Glühwürmchen oder ein Schwarm aufgeregte Fruchtfliegen rund um einen Obstteller. 

Ich fühle mich frei. Und wie mir Sabine später in der Mittagspause erklärt, geht es genau darum beim Tantra. Das Wort kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Ausdehnung („tan) und Befreiung („tra“). Sie erzählt mir, dass wir limitiert sind durch unser Ego, unsere Ängste, Bewertungen und Glaubenssätze. Tantra will uns von diesen Beschränkungen befreien und uns dadurch ausdehnen. Das freie Tanzen hat mich von meinen Selbstzweifeln, meinem inneren Grant und meinen Fantasien über den anstehenden Tag befreit. 

Die dumpfen Klänge irritieren meine zerstreuten und bockigen Lebensgeister und bringen sie widerwillig in Bewegung.


„Teilt euch jetzt in Bäume und Tiere auf“, gibt die Workshop-Leiterin vor. Sabine führt uns durch eine Übung aus der Contact Improvisation. Ich beschließe, ein Baum zu sein, schließe meine Augen, verwurzle mich im Boden und bleibe still im Raum stehen. Mir geht der gestrige Arbeitstag durch den Kopf: das kaputte Laminiergerät, das gezeichnete Porträt meiner Arbeitskollegin, der Witz meines Schülers über Einhorn-Furze. Ich probiere, die flanierenden Gedanken zu verjagen, schlage mit meinen gedanklichen Ästen um mich. Sabines sanfte Stimme hilft mir: „Wichtig ist zunächst das Spüren des Raumes um dich, das Berühren des Raumes und vom Raum berührt zu werden.“ Ich merke, wie ich langsam schwerer werde und Gewicht in den Boden abgebe. Jeder, der Tier ist, wird aufgefordert, sich einen Baum zu suchen. 

Meine Poren sind weit geöffnet und gespannt auf den ersten körperlichen Kontakt.

Ich warte. „Wer wird zu mir kommen und mich berühren?“, frage ich mich. Meine Poren sind weit geöffnet und gespannt auf den ersten körperlichen Kontakt. Jemand streichelt meinen Unterschenkel. Sabine fügt hinzu, dass wir die Berührung mit den Worten „stopp“, „ja“ und „mehr“ steuern können. Sie gibt uns somit die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen für die Art und Weise, wie wir berührt werden wollen. Ich will mehr, doch ein wenig anders, und merke, wie schwer es mir fällt, meinen Wunsch zu äußern. Ich habe Angst, die Person vor den Kopf zu stoßen. „Ah, da ist es wieder, das Unbekannte und sein treuherziger Begleiter, die Unsicherheit“, schießt es mir durch den Kopf. Doch anstatt die Unsicherheit zu verurteilen und sie aus dem Haus zu jagen, beschließe ich, sie wahrzunehmen und zu akzeptieren. „Hey, schön, dass du da bist: Tee, Kaffee? Setz dich hin, lass es dir gut gehen, und dort ist übrigens die Tür, nur damit du weißt, wo du später hinmusst.“ 

Das Wochenende habe ich genutzt, um Tantra wirklich kennenzulernen, meinen Klischees den Kampf anzusagen. Ich habe mich mit dem Unbekannten auseinandergesetzt, es zum Tanz aufgefordert und mich mit schlummernden Blockaden konfrontiert. Es waren Unsicherheit, Angst und ständige Wertung. Konnte ich diese Blockaden überwinden und auf das Unbekannte vertrauen, wurde Begegnung möglich. Es war eine echte Verbindung mit meinem Gegenüber und allem, was mich umgab. So konnte ich dann auch in einem Kreis mit elf mir unbekannten, mich anstarrenden Personen darauf vertrauen, dass mir das in dem Moment Richtige einfallen würde. Die Akzeptanz der anderen war der erste Schritt.

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Fotos © Patrick Beelaert

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