Achtsamkeit & Meditation

Beim Waldbaden im Wienerwald lernen Teilnehmende die Heilkraft der Bäume kennen – ein Lokalaugenschein.

Es knarrt und knistert, in der Ferne ruft ein Vogel, ein anderer singt ganz in der Nähe hoch oben im Baum eine Melodie. Bienen und Hummeln fliegen summend durch das Gehölz – es ist ein herrliches Konzert. Im Wienerwald, auf einem kleinen Hügel ganz in der Nähe von Wien, sitzt an einem Sommervormittag eine kleine Gruppe von Menschen mit geschlossenen Augen zwischen den Bäumen und lauscht.

„Jedes Geräusch wahrnehmen, unterscheiden, ob es nah oder fern ist, die unterschiedlichen Klänge des Vogelgezwitschers bewusst wahrnehmen“, dies war die Aufgabe, die Angelika Gierer der Gruppe gestellt hat. Angelika Gierer veranstaltet in Wien regelmäßig Kurse mit dem Titel ‚Waldbaden‘. Waldbaden, auch bekannt als Shinrin Yoku, stammt ursprünglich aus Japan und ist besonders für gestresste und reizüberflutete Personen eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen sowie neue Kraft und Inspiration zu tanken. „Die Bäume stellen eine Verbindung zwischen Himmel und Erde dar und haben aufgrund ihres Alters Weisheit und spirituelle Kraft“, formuliert Gierer das Konzept.

Beim Waldbaden wird nicht einfach nur durch den Wald spaziert, es geht vielmehr darum, in die Geräusche der Natur einzutauchen, den Wald zu fühlen und zu riechen beziehungsweise diesen in seiner Gesamtheit aufzunehmen. Waldbaden ist auch wissenschaftlich erforscht, die Erholungs- und Gesundheitseffekte sind belegt. „Ich komme immer mit einem Lächeln aus dem Wald“, beschreibt ein Waldbader seinen persönlichen Eindruck. Er kommt regelmäßig. Das könnte an den bioaktiven Substanzen liegen, die im Wald über die Atmung und die Haut aufgenommen werden. Konkret sind es Terpene, also sekundäre Pflanzenstoffe und ätherische Öle, die aus Blättern, Nadeln und anderen Pflanzenteilen stammen. Sie haben, so Gierer, auch eine positive Wirkung auf Psyche und Immunsystem.

Angelika Gierer hat eine eigene Form des Waldbadens entwickelt. Sie nennt es ShinrinYoga, eine Verbindung von Waldbaden mit Atemübungen. „Bei den Atemübungen können die Terpene noch besser aufgenommen werden“, sagt sie bedeutungsvoll. Es hört sich gut an.

Waldbaden
Den Anfang des Waldbadens macht ein bewusst gesetzter Schritt in den Wald hinein. Die Mobiltelefone sind ausgeschaltet, gesprochen wird nur mehr das Notwendigste. Angelika Gierer geht voran, die kleine Gruppe folgt ihr. Nach ein paar hundert Metern werden ein paar Atemübungen gemacht, danach ist die Aufgabe, ganz langsam den Hügel hinaufzugehen, jeden Schritt bewusst zu setzen. Um das Erleben noch zu vertiefen, soll auf Anweisung von Angelika Gierer beim Ausatmen gebrummt werden. „Wie eine Biene oder Hummel“, erklärt sie schmunzelnd. 

Waldbaden


Später werden die Waldbadenden aufgefordert, einen Fuchs nachzuahmen, das heißt, sich schnell auf den Zehenballen trippelnd zu bewegen und dazwischen kurz innezuhalten, um bewusst den Blick über die Umgebung schweifen zu lassen. Dabei ist es gar nicht so einfach, auf den Zehenspitzen stehend das Gleichgewicht nicht zu verlieren. „Es ist erstaunlich, was man durch dieses kurze, fokussierte Stehenbleiben wahrnimmt“, kommentiert einer der Teilnehmer.
Der Rest des Weges bis zum Gipfel des Hügels wird schweigend, aber ohne besondere Anweisung fortgesetzt. Oben auf der Anhöhe angekommen werden die Rucksäcke abgelegt, der Untergrund zwischen den Bäumen wird von großen Ästen befreit und die Schuhe werden ausgezogen. Ein Kreis wird gebildet und die Teilnehmenden drehen schweigend barfuß darin ein paar Runden. Ein Fuß wird ganz bewusst vor den anderen gesetzt. Der unebene Untergrund mit Bucheckern, kleinen Ästen, Wurzeln und Laub wird dabei bei jeder Berührung intensiv spürbar. „Wenn ich in den Wald eintauche und meine Füße den weichen Waldboden berühren, fühle ich mich getragen von Mutter Erde“, so eine Teilnehmerin später über ihre Empfindungen während der Übung.

Waldbaden


Schließlich kommt die Aufforderung: „Jeder soll sich einen Baum suchen, diesen mit der Hand berühren, die Augen schließen und dann die Rinde ertasten, um so mit dem Baum in Verbindung zu treten“, sagt Gierer. Dann fügt sie noch hinzu, jeder soll nun dem Baum eine Frage stellen, etwa darüber, was einen gerade im Leben beschäftigt. Erstaunlich schnell hat jeder Teilnehmende einen Baum gefunden und setzt sich. Man lauscht, berührt die Rinde, spürt die Unebenheiten, die Rillen und kleinen Verwachsungen. Mein Eindruck: Die meisten sind nun bei sich angekommen. „Im Wald spüre ich keinen Leistungsdruck, ich kann aus meinem Muster aussteigen. Es geht einfach darum, zur Gänze in den Moment einzutauchen“, beschreibt es ein Teilnehmer.

Die knapp drei Stunden im Wald sind wie im Flug vergangen und beim Rückmarsch sagt Angelika Gierer: „Wünscht euch etwas, aber stellt euch vor, wie es sich anfühlt, wenn dieser Wunsch bereits in Erfüllung gegangen wäre.“ Schweigend bewegt sich die kleine Gruppe schließlich quer durch den Wald, keinem Weg folgend, über Äste, steile Hänge, bis wir alle wieder bei unserem Ausgangspunkt gelandet sind.

Unten angekommen bekommt jeder ein kleines Stück Papier, auf dem der Wunsch nochmals notiert werden soll. Der Zettel wird anschließend im Wald versteckt, denn die Gedanken an den Wunsch sollen bei den Bäumen verbleiben. Uns begleitet der schöne Gedanke, dass sich die Wünsche aus dem Wald erfüllen. Hoffentlich.

Waldbaden selbst erleben:

Österreich: Angelika Gierer – www.shinrinyoga.at
Deutschland: Annette Bernjus – www.waldbaden.com
Schweiz: Sonja Grossenbacher – www.waldbaden-erlebnis.ch

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Fotos © Angelika Gierer

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