Achtsamkeit & Meditation

„Es ist nicht bloß die äußere Menschenähnlichkeit der Tiere, der Glanz ihrer Augen, die Fülle und Schönheit ihrer Gliedmaßen, was uns anzieht, auch die Wahrnehmung ihrer mannigfaltigen Triebe, Kunstvermögen, Begehrungen, Leidenschaften und Schmerzen zwingt in ihrem Inneren ein Analogon von Seele anzuerkennen.“ 

Dies schrieb Jacob Grimm, deutscher Literaturwissenschaftler und der Ältere der uns vor allem als Zwiegespann bekannten Gebrüder Grimm, zu einer Zeit, als im Zuge der Aufklärung sich erstmals Mitleid mit Menschen anderer Hautfarbe und sogar Mitgefühl mit Tieren in der europäischen Gesellschaft ausbreiteten. In der heutigen Zeit gibt es zwar starke Strömungen wie den Veganismus und die Tierrechtsbewegung, aber gleichzeitig werden Nutztiere mehr denn je zu industriellen Waren degradiert, die unter schrecklichen Bedingungen gehalten und oft sogar ohne Sinn und Nutzen vernichtet werden. Wie konnte es in unserer Zivilisation dazu kommen, obwohl wir uns gerne auch unserer vielen geistigen, sozialen und wissenschaftlichen Errungenschaften rühmen?

Im Buddhismus gelten auch die Tiere als empfindungs- und leidensfähige Wesen und es gilt die Selbstverpflichtung, sie nicht zu töten.

Wir können uns bei dem Versuch, die spirituellen TierMensch-Beziehungen der Menschheitsgeschichte zu ergründen, vor allem auf kulturgeschichtliche Zeugnisse stützen: Die Vielzahl und Vielfalt der Tierdarstellungen in der Kunst in Form von Skulpturen und in der Malerei so wie in der Literatur lassen auf eine anfänglich hohe Wertschätzung alles Lebendigen schließen. Zusätzlich helfen uns archäologische Funde, meist Grabbeigaben und kultische Objekte, die die seit der Steinzeit enge Einbindung von Tieren in die menschliche Kultur belegen. Diese reicht weit über das ursprüngliche JägerBeuteVerhältnis hinaus. In den Wandzeichnungen der Höhlen in Lascaux oder Altamira werden nicht nur Jagdtechniken gezeigt, sondern dort offenbaren sich kultische Inhalte. Durch das Einzeichnen ‚magischer Wunden‘ in die abgebildeten Beutetiere haben sich unsere Vorfahren wahrscheinlich mit symbolischer Tötung auf die Jagd eingestimmt. Diese Form von Jagdmagie findet sich auch heute noch bei indigenen Jägervölkern.
In der griechischen Antike, also im Zeitraum zwischen dem 11. Jahrhundert vor Christus bis zum Ende der griechischen Autonomie im Jahre 31 vor Christus, war der Verzehr des Fleisches von Rindern, Schafen oder Ziegen ein religiöser Akt. Fische, Vögel und kleine Säugetiere waren Bestandteil der Nahrung, aber nur die großen Haustiere wurden als Brandopfer auf dem Altar den verschiedenen Göttern dargebracht. An dem aufsteigenden Rauch und Duft labten sich die Götter, während die Menschen die Körper in diesem damit gemeinsamen Mahl verzehrten.
Mit diesem Ritus sollte das Töten der in Hausgemeinschaft lebenden und damit eigentlich Schutz genießenden Tiere gerechtfertigt werden. Hirsche und Eber waren als wilde Tiere eine Bedrohung, es bedurfte daher keiner religiösen Begründung, um sie zu verspeisen. Tiere galten auch als Vermittler göttlicher Botschaften, die entweder von Sehern oder als tradiertes Volkswissen interpretiert wurden. Wenn Raubvögel von links vorbeiflogen, war es ein schlechtes Omen und die Form der Lappen der Leber eines Opfertieres war Abbild des Willens der Götter. Diese Vorgangsweise, Tiere über höhere Mächte zu befragen, hatte auch einen ganz praktischen Nutzen. Auf diese Weise lag die Schuld bei einem schlechten Ausgang der Jagd oder des Kriegszugs nicht beim Anführer, sondern die Götter wollten damit die Menschen strafen und haben sie in die Irre geführt.

LebewesenBei den Römern gestaltete sich die Götterwelt noch anthropozentrischer. Tiere waren – so wie der Adler des Zeus oder der Schwan des Apollo – nur dienende Begleiter. Tiere repräsentieren in dieser antiken Kultur – so wie im römischen Gründungsmythos der Romulus und Remus säugenden Wölfin – eine menschenfreundliche Natur. Als Symbole der Götter wird damit die ihnen innewohnende Gefahr und Bedrohung auf eine andere Ebene gehoben.
Die letzten 2.000 Jahre der europäischen Kultur werden dann ganz wesentlich von den Lehren des Christentums beeinflusst. Die mystischen und göttlichen Aspekte der Tierverehrung gingen schrittweise bereits in der Antike verloren. Kirchenväter wie Augustinus erklärten ausdrücklich, dass Tiere keine Rechte hätten, es Aberglaube wäre, Tiere nicht nach Belieben zu töten, und ihre Qualen uns nicht berühren dürfen. Und da nach katholischer Lehre keine Verpflichtung des Menschen besteht, sich um Tiere zu kümmern, verweigerte Papst Pius XII. selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg einem Tierschutzverein in Rom die Zulassung.
Im christlichen Mittelalter spielen Tiere daher keine kultische Rolle mehr. Die Durchdringung aller Lebensbereiche mit religiösen Bewertungen hatte aber auch Auswirkungen auf das biologische Wissen. Naturkundebücher wie der damals weit verbreitete Physiologus fokussierten sich auf die symbolische und moralisierende Bedeutung der jeweiligen Tiere. So wird die Viper so beschrieben: „Wenn das Männchen Geschlechtsverkehr hat, dann steckt es sein Maul in das Weibchen und speit seinen Samen aus. Das Weibchen schluckt diesen und beißt das Geschlecht des Männchens ab, das sofort stirbt. Erkenne also, was der Verkehr mit Dirnen für Folgen hat.“ Nicht Naturkenntnis sollte vermittelt werden, sondern anhand der Typologie der Tiere eine Sittenlehre. Der alttestamentarische Gott hat Tierarten wie Frösche, Heuschrecken und Fliegen nur zur Bestrafung der Menschen geschaffen. Schlange und Löwe waren Tiere des Teufels, Hunde und Schweine unrein. Aber auch im Neuen Testament ist Jesus nur in übertragenem Sinn der ‚gute Hirte‘, der an keiner Stelle der Bibel Fürsorge oder Mitleid mit Tieren zeigt. Selbst das Paradies bleibt nur den Menschen vorbehalten und in der Genesis wird auch unsere Vorherrschaft ‚über die Fische im Meer und die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht‘, festgeschrieben.
Im Islam, der seine Wurzeln auch in der christlichen Religion hat, ist das Opferfest Id-ul-adha der höchste islamische Feiertag. Zu den religiösen Handlungen anlässlich dieses Tages gehört es, dass jede Familie ein unversehrtes Tier rituell schlachtet. Beim Schächten werden dem unbetäubten Schaf die beiden Hauptschlagadern sowie Speise- und Luftröhre mit einem einzigen Messerschnitt durchtrennt. Säkulare Tierschutzgesetze wie in Deutschland verbieten das Töten warmblütiger Tiere ohne vorherige Betäubung. In Österreich ist dies in den neuen eigenen Tierschutzgesetzen der Bundesländer geregelt, wobei in Wien eine Ausnahme von der Betäubungspflicht für religiöse Handlungen vorgesehen ist, wenn die Tiere dabei ‚nicht unnötig in schwere Angst versetzt oder ihnen unnötige Schmerzen, Qualen, Verletzungen oder sonstige Schäden zugefügt werden‘.

Gandhi meinte, dass man die Größe einer Nation daran messen könne, wie sie die Tiere behandelt.

Eine ganz andere Einstellung gegenüber der belebten Natur gibt es im Buddhismus. Hier gelten auch die Tiere als empfindungs- und leidensfähige Wesen und es gilt die Selbstverpflichtung, sie nicht zu töten. Diese Haltung ist ein wesentlicher Unterschied dieser Religion gegenüber den Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Lambert Schmithausen, Professor für Indologie mit Schwerpunkt Buddhismuskunde in Hamburg, meint dazu: „Der Buddhismus nimmt sowohl für den Menschen wie auch für das einzelne Tier ein sich ständig wandelndes geistiges Kontinuum an. Dieses kann beim Menschen zwar höhere Fähigkeiten als beim Tier entfalten, aber in beiden Fällen setzt es sich nach dem Tode einfach und gleichermaßen fort. In welcher Form nun, ob als Tier, Mensch oder als eine andere Existenzform, dieses geschieht, bestimmt alleine das im Leben geschaffene Karma, die Qualitäten der Taten des betreffenden Lebewesens.“ Wir haben durch Wissenschaft und technische Entwicklungen einen Grad der Zivilisation erreicht, in dem wir weder in Angst vor wilden Tieren oder einem Hungertod leben müssen, noch brauchen wir die Vorstellung von allmächtigen Göttern, die uns die Naturgewalten begreiflich machen.
Gandhi meinte, dass man die Größe einer Nation daran messen könne, wie sie die Tiere behandelt. Grausamkeiten gegen andere Menschen und auch Tiere sind für Buddhisten ein Hindernis für die spirituelle Selbstvervollkommnung. Diese Haltung sollte aber auch für jeden Menschen des 21. Jahrhunderts selbstverständlich sein!

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