Klimaangst ist ein Phänomen von individueller, gesellschaftlicher und politischer Relevanz. Sie kann lähmen oder Impuls für mutiges Handeln sein. Wie kann Achtsamkeit helfen, mit Klimaangst umzugehen?
Die Klimakrise ist allgegenwärtig: Täglich berichten Medien über Hitzewellen, Überschwemmungen, Waldbrände oder das Sterben ganzer Ökosysteme. Diese Bedrohung wirkt sich nicht nur auf Umwelt und Gesellschaft, sondern auch immer mehr auf die psychische Gesundheit der Menschen aus.
Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer häufiger auftaucht, ist „Klimaangst“.
Gemeint ist eine anhaltende Angst vor Umweltzerstörung und den Folgen des Klimawandels – eine Angst, die insbesondere junge Menschen empfinden, aber auch Erwachsene zunehmend beschäftigt. Die American Psychological Association beschreibt sie als chronische, belastende Emotion, die Auswirkungen auf das Wohlbefinden hat. Sie ist keine Krankheit, sondern eine verständliche Reaktion auf reale Bedrohungen.
Während einige Medien oder politische Stimmen sie als übertrieben abtun, handelt es sich tatsächlich um ein weitverbreitetes Phänomen mit gesellschaftlicher Bedeutung. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen mit höherer Bildung, starker Naturverbundenheit oder konkreter Betroffenheit durch Klimafolgen besonders häufig Klimaangst empfinden. Der Glaube daran, selbst etwas bewirken zu können, oder an politische Lösungen kann im Umgang mit Klimaangst helfen.
Dieser Glaube birgt aber auch Risiken, etwa wenn er zur Verdrängung führt. Dies ist teils bei Menschen mit einer rechten politischen Einstellung, die den Klimawandel seltener als Bedrohung sehen oder leugnen, der Fall.
Umgekehrt kann ein Gefühl der Ohnmacht zu psychischer Überforderung führen und damit zu innerem Rückzug, zu Verdrängung oder zu Verharmlosung. Dieses sogenannte Vogel-Strauß Prinzip ist ein psychologischer Schutzmechanismus, der jedoch langfristig nicht hilft.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 134: „Keine Angst vor der Angst"
Andere Folgen von übermäßiger Klimaangst sind Erschöpfung, depressive Stimmungen oder psychosomatische Beschwerden.
Daher ist es entscheidend, wie wir individuell und gesellschaftlich mit Klimaangst umgehen. Wenn es gelingt, sie auf einem gesunden Niveau zu halten und als Schutzfunktion zu begreifen, kann sie sogar mobilisierend wirken. Sie führt dann zu mehr Engagement, einem bewussteren Lebensstil oder politischer Teilhabe.
Ein zentraler Weg im Umgang mit Klimaangst ist die Achtsamkeit. Sie kann wesentlich dazu beitragen, das eigene Erregungsniveau in einem Bereich zu halten, in dem das Gehirn handlungsfähig bleibt. Das Modell des „Window of Tolerance“ aus der Trauma- und Angsttherapie beschreibt diesen Zustand gut: Ist die innere Anspannung zu hoch, überwiegen Panik und Lähmung; ist sie zu niedrig, entsteht Gleichgültigkeit oder Resignation.
Nur innerhalb dieses Fensters können Menschen lösungsorientiert denken und wirksam handeln.
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Rike Wagner
Rike Wagner lebt mit ihrer Familie im Bodenseekreis und arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis. Seit Anfang 2024 ist sie bei Psychologists for Future, um sich in Gemeinschaft und mit Fachwissen für den dringend nötigen sozioökologischen Wandel einzusetzen.
