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Hier finden Sie einen Auszug von "Wie Meditation Räume eröffnet" von Margrit Irgang, aus Ursache\Wirkung №. 128: „Verbundenheit".

Unsere Wahrnehmungen im Alltag sind oft verzerrt, etwa wenn man Unbeständiges für stabil hält. Die Meditation bringt uns mehr in Kontakt mit der dynamischen, fluiden Wirklichkeit. Dadurch eröffnen sich neue Räume für das Erleben.

Als ich vor 40 Jahren von meinem ersten Zen-Sesshin nach Hause zurückkehrte und meine Tür aufschloss, hatte ich das Gefühl, die Wohnung einer fremden Person zu betreten. Ich schaute mich um, und mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie viele Dinge ich in den Jahren angehäuft hatte. Diese so hübsch und liebevoll dekorierte Wohnung passte nicht mehr zu mir. In den darauffolgenden Wochen überprüfte ich jedes einzelne Stück, sortierte aus, verschenkte, warf weg. Ich erschuf eine neue Ordnung, Klarheit und Ruhe in meiner Wohnung, die zu der inneren Klarheit und Ruhe passte, die ich im Zendo erfahren hatte.

Warum meditieren wir eigentlich? Warum setzen wir uns tagelang auf ein Kissen und schweigen? Wenn ich diese Frage in meinen Gruppen stelle, bekomme ich fast immer Antworten wie: Ich möchte meinen Stress ablegen, besser schlafen, gelassener werden, mich wohler in meinem Körper und Geist fühlen. Das sind natürlich sehr gute Motivationen, und all das wird auch geschehen. Aber es könnte sich herausstellen, dass ein neues Wohlgefühl nur der Beginn einer aufregenden Lebensreise ist. Im Universum ist alles mit allem verbunden und die schlichte Handlung, sich Tag für Tag 20 Minuten lang schweigend auf ein Kissen zu setzen, kann das ganze Leben umkrempeln.

Warum sind unsere Wahrnehmungen verzogen?

In der Stille erkennen wir vielleicht zum ersten Mal, dass ständig Gedanken im Kopf kreisen. Plötzlich tauchen Erinnerungen an Kindheitserlebnisse auf, und sofort beginnen wir, die Geschichten aufzuwärmen und mit neuen Gedanken anzureichern. Oder wir spielen den Streit mit dem Partner noch einmal durch und finden endlich das unschlagbare Argument, mit dem wir den Streit gewinnen können.
Vielleicht fühlen wir uns auch gelangweilt und malen uns aus, was es wohl zum Mittagessen geben wird. Jeder dieser Gedanken löst Gefühle in uns aus. Beim Gedanken an den Streit werden wir wütend, auf das Mittagessen freuen wir uns. Die Gefühle lösen weitere Gedanken aus, und schon ist eine Dynamik in Gang gekommen, aus der wir nicht so schnell wieder aussteigen können.
In der Meditationsschulung lernen wir, die Gedanken zu beobachten und sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Von Gefühlen ist seltener die Rede, obwohl sie eine tiefgreifende Wirkung haben. Die Neurowissenschaft weiß, dass sich alles, was Menschen denken und fühlen, in körperlichen Strukturen abbildet. „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, schreibt der Wissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut Professor Dr. Joachim Bauer in „Das Gedächtnis des Körpers“.

Alles ist Beziehung

Gene formen die grobe Struktur des Gehirns, aber es sind die Lebenserfahrungen, die die Nervenverbindungen fein regulieren, und auf die Erfahrungen reagieren wir mit Gefühlen. „Die neuro-anatomischen Feinstrukturen im Gehirn werden durch seelische Aktivität festgelegt. Nervenzellverbindungen entstehen durch sozial vermittelte Erfahrungen in der Umwelt, Nervenzellverbindungen geben diese Erfahrungen wieder bzw. enthalten sie“, so Professor Bauer.
Beziehungserfahrungen also steuern unsere Gene. Und das geht weit über die Frage hinaus, in was für einer Familie wir leben. Da im Universum alles miteinander vernetzt ist, verändert jede Begegnung, jedes Gespräch, jeder Film und jede Lektüre auf subtile Weise das Gehirn. Wir werden geprägt von dem Ort, an dem wir leben, von der Qualität der Luft und des Wassers, von der Nahrung, die wir zu uns nehmen, und natürlich von den Bildern über Kriege und Gewalt, mit denen uns die Medien überschütten.

Den ganzen Artikel finden Sie hier:


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 128: „Verbundenheit"

Wie Meditation Räume eröffnet


Alles ist Beziehung. Der Organismus antwortet darauf mit seelischer Aktivität. Wer mit dem Ansturm des Verstörenden in der Welt und im privaten Bereich nicht mehr fertigwird, kommt vielleicht auf die Idee, einen Meditationskurs zu besuchen. Das ist eine sehr gute Idee.
„Erfahrungen mit der Umwelt spielen bereits bei der prä- und postnatalen Hirnentwicklung eine entscheidende Rolle und determinieren späteres Erleben und Verhalten“, schreibt Professor Bauer. Wir alle bringen das Gehirn, das von Jahrzehnten gelebten Lebens geprägt ist, mit in den Meditationsraum, aber dann geschieht etwas Neues: Wir lernen, die Prägungen zu durchschauen und nicht mehr zwanghaft aufgrund dieser Programmierung auf äußere Reize zu reagieren. Dadurch knüpfen wir neue neuronale Netzwerke und als Folge davon ist unser Erleben und Verhalten nicht mehr von der Vergangenheit determiniert.

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Margrit Irgang

Margrit Irgang

Margrit Irgang, Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert Zen seit 1984, seit 1992 bei Thich Nhat Hanh.Sie leitet Retreats, schreibt Bücher und für Rundfunksendungen zu den Themen Spiritualität und Achtsamkeit und bloggt auf:www.margrit-irgang.blogspot.de.